Negative Börsenstrompreise zeigen das Problem der Energiewende

Negative Börsenstrompreise wirken wie ein Geschenk. Tatsächlich zeigen sie Fehlanreize, Markteingriffe und neue Kosten für Steuerzahler.

Negative Börsenstrompreise zeigen das Problem der Energiewende

Die langen Sonnenstunden am Wochenende ließen den Börsenstrompreis zeitweise tief ins Minus rutschen. Was für viele auf den ersten Blick wie eine gute Nachricht klingt, ist bei genauer Betrachtung jedoch ein echtes Warnsignal für den Markt, die Netze und den Steuerzahler.

Denn: Negative Börsenstrompreise entstehen nicht einfach, weil Energie plötzlich im Überfluss sinnvoll nutzbar wäre. Sie entstehen, wenn zur falschen Zeit zu viel Strom produziert wird, die Nachfrage zu niedrig ist und Speicher, Netze oder flexible Verbraucher nicht ausreichen. Negative Strompreise zeigen genau das, was in der Energiewende selten ehrlich benannt wird: Die Produktion allein schafft keine Versorgungssicherheit.

Die Energiewende wurde lange so erzählt, als müsse man nur genug Windräder und Solaranlagen bauen, dann werde Strom automatisch sauber, günstig und sicher. Die Realität ist jedoch komplizierter. Energie ist nicht nur eine Frage der Menge. Sie muss zur richtigen Zeit, am richtigen Ort und in der richtigen Form verfügbar sein. Ist sie das nicht, wird aus vermeintlich billigem Ökostrom ein teures Entsorgungsproblem.

Negative Börsenstrompreise sind kein Geschenk

Ein negativer Strompreis bedeutet, dass Stromanbieter am Großhandelsmarkt Geld bezahlen müssen, damit ihnen diesen jemand überhaupt abnimmt. Preise übernehmen immer eine Signalwirkung: Steigen sie, ist ein Gut knapp oder stark nachgefragt. Fallen sie, gibt es mehr Angebot als Nachfrage. Wird der Preis gar negativ, ist das Signal besonders deutlich: Das Angebot passt nicht mehr zum Bedarf.

Genau das passierte am Wochenende: Viel Wind und Sonne trafen auf eine schwache Nachfrage. An Feiertagen oder Wochenenden läuft weniger Industrie, viele Betriebe stehen still und auch die Haushalte verbrauchen nicht genug, um die Erzeugung aufzunehmen. Gleichzeitig speisen Photovoltaik- und Windkraftanlagen große Mengen ein. Fossile Kraftwerke, Biomasseanlagen oder andere Erzeuger lassen sich nicht immer schnell genug herunterfahren oder haben technische und wirtschaftliche Gründe, weiterzulaufen. Der Markt sendet dann eigentlich ein klares Signal: Strom wird gerade nicht benötigt.

Nach Angaben der Tagesschau gab es in Deutschland 2025 mindestens 525 Stunden mit negativen Strompreisen. Netztransparenz, die gemeinsame Plattform der Übertragungsnetzbetreiber, weist für 2025 je nach EEG-Regel sogar 557, bzw. 518 relevante Negativpreis-Stunden aus. Das sind keine Ausreißer. Sie weisen klar auf ein strukturelles Problem hin. Am vergangenen Wochenende lagen die Preise zeitweise bei bis zu minus 480 Euro je Megawattstunde. Am 1. Mai (Tag der Arbeit) wurde sogar die technische Untergrenze von minus 499,99 Euro je Megawattstunde erreicht. Umgerechnet sind das fast minus 50 Cent je Kilowattstunde.

Ein Markt, in dem Strom zur Mittagszeit mit Geldzugabe entsorgt wird und wenige Stunden später wieder teuer sein kann, sendet ein klares Signal: Es fehlt die Flexibilität.

Wie der Strompreis in Deutschland entsteht

Um negative Börsenstrompreise richtig einzuordnen, muss man verstehen, wie diese überhaupt gebildet werden. Am Großhandelsmarkt gilt das sogenannte Merit-Order-Prinzip. Vereinfacht gesagt werden Kraftwerke nach ihren laufenden Erzeugungskosten sortiert. Zuerst kommen die günstigsten Anbieter zum Zug, dann die teureren. Der Preis wird am Ende durch das teuerste Kraftwerk bestimmt, das noch gebraucht wird, um die Nachfrage zu decken. Das klingt zunächst logisch. Wenn sehr günstige Erzeuger ausreichen, bleibt der Preis niedrig. Wenn zusätzlich teure Gaskraftwerke hinzugeschaltet werden müssen, steigt der Preis. Das zuletzt benötigte Kraftwerk setzt also den Preis für alle.

Genau hier entsteht der Widerspruch. Wind- und Solarstrom haben sehr niedrige laufende Kosten. Wenn die Anlagen einmal stehen, kosten Sonne und Wind nichts. Deshalb drücken sie an sonnigen und windreichen Tagen den Börsenpreis. In normalen Situationen ist das sinnvoll. Teure Kraftwerke werden verdrängt, der Marktpreis sinkt. Der Effekt kippt, wenn zu viel Strom gleichzeitig ins Netz drückt. Dann verdrängen günstige Erzeuger nicht nur teure Erzeuger, sondern irgendwann auch sich selbst. Der Markt sagt: Es ist genug da. Mehr davon hat in diesem Moment keinen Wert.

Strom ist kein Sack Kartoffeln, den man einfach einlagern kann. Strom muss im Netz in jeder Sekunde im Gleichgewicht sein. Erzeugung und Verbrauch müssen zusammenpassen. Wenn mehr Strom produziert wird, als benötigt wird, muss entweder die Produktion heruntergefahren, der Verbrauch erhöht oder der Strom exportiert oder gespeichert werden. Wenn das nicht ausreichend gelingt, fällt der Preis ins Negative.

Der Börsenpreis zeigt dann nicht mehr „billige Energie“ an, sondern Überproduktion zur falschen Zeit.

Die EEG-Umlage: Was sie eigentlich war

An dieser Stelle kommt die EEG-Umlage ins Spiel. Das EEG ist das Erneuerbare-Energien-Gesetz. Es sollte den Ausbau von Windkraft, Solarenergie, Biomasse und anderen erneuerbaren Energien fördern. Betreiber solcher Anlagen erhielten über Jahre hinweg feste Vergütungen oder eine Marktprämie, was Investitionen günstiger und planbarer machen sollte.

Die EEG-Umlage war früher der Mechanismus, mit dem diese Förderung finanziert wurde. Stromkunden sollten sie über ihre Stromrechnung bezahlen. Vereinfacht funktionierte das so: Erzeuger erneuerbarer Energie bekamen eine garantierte oder politisch definierte Vergütung. Der Strom wurde an der Börse verkauft. Wenn der Börsenpreis niedriger war als die zugesagte Vergütung, musste die Differenz ausgeglichen werden. Diese Differenz wurde über die EEG-Umlage auf die Verbraucher umverteilt. Ein einfaches Beispiel: Eine Anlage hat Anspruch auf 10 Cent je Kilowattstunde. An der Börse bringt der Strom aber nur 4 Cent. Dann fehlen 6 Cent. Diese 6 Cent mussten über das Fördersystem bezahlt werden.

Seit Mitte 2022 steht die EEG-Umlage für Stromkunden bei null und seit 2023 wird die Förderung erneuerbarer Energien nicht mehr direkt über die EEG-Umlage auf der Stromrechnung finanziert, sondern aus dem Bundeshaushalt. Was zunächst nach einer Entlastung klingt, ist in Wahrheit wie so oft in der Politik nur eine andere Verpackung.

Die Kosten sind nicht verschwunden. Sie wurden nur verschoben. Früher standen sie als EEG-Umlage auf der Stromrechnung. Heute landen sie im Bundeshaushalt und damit beim Steuerzahler. Für 2026 beträgt der EEG-Finanzierungsbedarf über 16 Milliarden Euro und ist damit ein riesiger Ausgabenblock im Staatshaushalt.

Günstige Erzeugung macht das Gesamtsystem nicht automatisch günstig

Oft wird gesagt, Wind und Sonne seien die günstigsten Stromquellen. Das stimmt in einem engen technischen Sinne: Wenn die Anlagen einmal gebaut sind, sind die laufenden Kosten niedrig. Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass das gesamte Stromsystem günstig wird. Denn ein Stromsystem besteht nicht nur aus Erzeugung. Es braucht Netze, Speicher, Reservekraftwerke, Regelenergie, Redispatch, Digitalisierung, Steuerbarkeit und Absicherung für Dunkelflauten. Wenn eine Kilowattstunde Solarstrom mittags billig, aber abends nicht verfügbar ist, benötigt das System trotzdem eine Lösung für den Abend.

Und genau hier liegt der Denkfehler. Einzelne Erzeugungsarten können billig sein, während das Gesamtsystem teuer bleibt. In Deutschland werden günstige und teure Erzeugung über verschiedene Mechanismen miteinander verwoben. Am Markt setzt das teuerste noch benötigte Kraftwerk häufig den Preis. Über Fördermechanismen werden Erzeuger abgesichert, deren Strom am Markt zeitweise wenig oder gar nichts wert ist. Über Netzentgelte werden Kosten für Transport, Eingriffe und Infrastruktur verteilt. Über den Bundeshaushalt werden EEG-Differenzkosten bezahlt. Kurzum: Über Steuern und Abgaben beteiligt sich am Ende jeder daran.

Das ist keine Marktwirtschaft mehr im klassischen Sinne. Es ist ein politisch überformtes System, in dem Preise zwar noch Signale senden, diese allerdings stetig abgefedert, umgeleitet oder nachträglich korrigiert werden. Bei hohen Preisen greift die Politik mit Entlastungen ein. Bei niedrigen Preisen bleiben Förderansprüche bestehen und bei fehlender Versorgungssicherheit sollen neue Kraftwerke gefördert werden.

Das Ergebnis ist ein System, in dem fast jede Fehlstelle mit einer neuen Zahlung überdeckt wird.

Warum Steuerzahler die Rechnung tragen

Negative Börsenstrompreise sind für Steuerzahler deshalb problematisch, weil sie die Differenzkosten erhöhen können. Wenn Strom an der Börse nichts wert ist oder sogar einen negativen Wert hat, aber bestimmte Anlagen trotzdem Anspruch auf Förderung haben, wird die Lücke größer. Der Markt sagt dann: Diese Kilowattstunde ist gerade wertlos, während das Fördersystem sagt: Diese Kilowattstunde wird trotzdem bezahlt. Die Differenz zahlt am Ende die Allgemeinheit.

Das ist der entscheidende Punkt. Es geht nicht darum, ob einzelne Haushalte mit dynamischem Tarif an einem sonnigen Sonntag ein paar Euro verdienen können. Für diese Haushalte mag das tatsächlich funktionieren. Wer ein E-Auto, eine Wallbox, einen Smart Meter und einen dynamischen Tarif hat, kann solche Stunden nutzen. Aber das ist nicht die Gesamtbilanz. Wenn einzelne Verbraucher für Stromverbrauch bezahlt werden, während gleichzeitig Förderkosten, Netzeingriffe und Systemkosten steigen, kommt die Rechnung nur an anderer Stelle wieder an.

Besonders ungerecht wird es, weil viele Menschen diese Vorteile gar nicht nutzen können. Mieter ohne Wallbox, Haushalte ohne Smart Meter, Menschen ohne E-Auto oder Wärmepumpe haben wenige bis keine Möglichkeiten, ihren Verbrauch gezielt in negative Preisstunden zu verschieben. Sie profitieren kaum direkt, tragen aber die Kosten indirekt über Steuern, Abgaben oder künftige Strompreise mit.

Das Solarspitzengesetz ist ein Eingeständnis

Dass der Staat inzwischen gegensteuert, zeigt, dass das Problem erkannt wurde. Mit dem Solarspitzengesetz wurde geregelt, dass neue Photovoltaikanlagen, die ab dem 25. Februar 2025 in Betrieb gegangen sind, bei negativen Börsenstrompreisen unter bestimmten Bedingungen keine Einspeisevergütung mehr erhalten. Im Kern ist das ein Eingeständnis: Es war falsch, Einspeisung unabhängig vom tatsächlichen Marktwert zu fördern.

Wenn Strom in einem bestimmten Moment keinen Wert hat, darf das System nicht so tun, als sei jede eingespeiste Kilowattstunde automatisch wertvoll. Sonst wird nicht Versorgungssicherheit gefördert, sondern bloße Einspeisung. Das ist ein riesiger Unterschied. Allerdings löst diese Reform nicht das gesamte Problem. Viele Bestandsanlagen laufen nach alten Regeln weiter. Außerdem bleibt die Grundfrage bestehen, wie Deutschland ein Stromsystem schafft, das nicht nur in der Jahresbilanz grün aussieht, sondern in jeder Stunde funktioniert.

Preise sind immer Warnsignale

Der Referenzpunkt ist derselbe wie bei Preisbremsen. Preise sind nicht einfach böse, unbequem oder sozial kalt. Preise sind Signale. Sie zeigen Knappheit, Überangebot, Fehlplanung und Investitionsbedarf. Wenn Gas teuer wird, sagt der Preis: Dieser Energieträger ist knapp oder politisch riskant. Wenn Strom negativ wird, sagt der Preis: Diese Erzeugung passt gerade nicht zur Nachfrage. In beiden Fällen ist das Signal unangenehm, aber wertvoll.

Politik versucht häufig, solche Signale zu entschärfen. Bei hohen Preisen werden Deckel eingezogen. Bei negativen Preisen Förderregeln angepasst, Übergangsfristen geschaffen oder Kosten in den Haushalt verschoben. Kurzfristig beruhigt das. Langfristig schwächt es die wichtigste Funktion des Marktes: Fehlentwicklungen sichtbar zu machen.

Ohne ehrliche Preise agiert ein System blind. Dann wird weiter produziert, obwohl es gerade keinen Bedarf gibt. Dann werden Anlagen gebaut, obwohl die Infrastruktur nicht mithält. Dann werden Kosten aus der Stromrechnung in den Bundeshaushalt verschoben und als Entlastung verkauft.

Das Problem verschwindet nicht. Es wird nur unübersichtlicher.

Was ein funktionierender Strommarkt leisten müsste

Ein funktionierender Strommarkt müsste nicht jede Kilowattstunde gleich behandeln. Er müsste unterscheiden, wann Strom wertvoll ist und wann nicht. Eine Kilowattstunde an einem kalten, dunklen Winterabend ist etwas anderes als eine Kilowattstunde an einem sonnigen Feiertagsmittag. Daraus folgt: Förderung darf nicht nur den Bau von Erzeugungsanlagen belohnen. Sie muss Flexibilität belohnen. Speicher, steuerbare Verbraucher, Lastverschiebung, Netzausbau und gesicherte Leistung sind Teil eines funktionierenden Stromsystems.

Es genügt nicht, möglichst viel Strom zu erzeugen. Entscheidend ist, ob der Strom gebraucht wird. Das klingt banal, sollte aber die eigentliche Lehre aus negativen Börsenstrompreisen sein. Deutschland hat lange nur über Ausbauziele gesprochen: mehr Photovoltaik, mehr Windkraft, mehr installierte Leistung. Der Marktwert dieses Stroms blieb zu oft zweitrangig, sobald viele Anlagen gleichzeitig produzieren.

Wer Angebot schafft, ohne Nachfrage und Speicher mitzudenken, erzeugt keinen Wohlstand. Er erzeugt Kosten.

Angebot
Anker SOLIX 3 Pro Balkonkraftwerk mit Speicher (2680Wh), 4×500W Solarpanels, 4 MPPTs (3600W),auf bis zu 16 kWh erweiterbar, Anker Intelligence, Plug&Play (ohne Verlängerungskabel für Solarpanels) E2700 Pro+500W*4*
  • Spare bis zu 1566€ im Jahr: 4 MPPTs für bis zu 3600W Solareingang, Anschluss von bis zu 8 PV-Panels und 5 Akkus (16,128kWh), dazu null Energieverlust dank Smart Meter – maximale Effizienz, maximale Ersparnis.
  • Spare noch mehr mit dynamischem Tarif: 1200W bidirektionaler Wechselrichter nutzt Preisschwankungen optimal. Die Anker App zeigt Strompreise basierend auf Nord Pool Großhandelspreisen – lade günstig, nutze teuer.
  • Anker Intelligence für maximale Ersparnisse: Anker Intelligence prognostiziert überschüssige Energie und plant die Nutzung automatisch, um die Energieeffizienz zu maximieren. Optimiert außerdem deine Nutzung, um noch mehr zu sparen.
  • Lieferumfang: Solarbank 3 E2700 Pro, 1× 3m AC-Kabel mit Schuko, 4× 500W Solarpanel, Montagematerial, Sicherheitshinweise, ohne Verlängerungskabel für Solarpanels.
  • HINWEIS: Sets aus Solarbank und Solarmodul werden in mehreren Lieferungen verschickt. Die Auslieferung erfolgt innerhalb des angegebenen Zeitraums. Aufgrund der Einschränkungen können wir nur eine einzelne Sendungsverfolgungsnummer anzeigen lassen. Ihre Waren und das Zubehör werden separat von verschiedenen Logistikdienstleistern versandt.

Letzte Aktualisierung am 7.05.2026 um 21:13 Uhr / Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API

Andreas Stegmüller

Andreas Stegmüller

Ist Gründer und Betreiber dieses Blogs. Hat während seiner mehr als zehnjährigen Redakteurs-Laufbahn schon für mehrere große Medien zu den unterschiedlichsten Themen geschrieben. Die Börse ist seit 2016 seine Leidenschaft.

Börsenlexikon

Passenden Begriff direkt vertiefen

Dieser Begriff ist ein passender Beispielbegriff zum Thema des Artikels. Öffne den kuratierten Eintrag oder suche direkt im Börsenlexikon weiter.

Passender Beispielbegriff Earnings Gewinnmeldung eines Unternehmens, häufig im Quartalsrhythmus. Zum Lexikoneintrag Weiterer Beispielbegriff Opening Range Kursspanne der ersten Handelsminuten als Referenz für Intraday-Trades. Zum Lexikoneintrag