Tracking Difference: Die TER bei ETFs wird oft überschätzt

Die TER zeigt nur einen Teil der ETF-Kosten. Die Tracking Difference zeigt, wie gut ein ETF seinen Index wirklich abbildet und was Anleger beim Vergleich beachten sollten.

Tracking Difference: Die TER bei ETFs wird oft überschätztBild: KI-generiert

0,05 % Kosten klingen besser als 0,20 %. Auf 10.000 Euro Anlagevolumen sind das gerade einmal 15 Euro Unterschied im Jahr. Trotzdem reicht genau diese Zahl oftmals aus, um Anleger in neue Vergleichstabellen, Forendiskussionen und ETF-Wechselgedanken zu treiben. Kosten bei der Geldanlage sind nicht zu unterschätzen und alles andere als egal. Doch viele Anleger schauen bei ETFs auf die offensichtlichsten Kennzahlen und verwechseln diese mit der wichtigsten. Die TER steht groß im Produktinformationsblatt, lässt sich leicht sortieren und sieht objektiv aus.

Allerdings erzählt sie nicht die ganze Wahrheit, denn entscheidend ist nicht allein, was ein ETF kostet. Entscheidend ist auch, wie stark seine tatsächliche Rendite vom jeweiligen Index abweicht, und hier kommt die Tracking Difference ins Spiel, die wir in diesem Artikel durchleuchten möchten.

Die TER ist nur das Preisschild

Die TER, also die Total Expense Ratio, zeigt die laufenden Kosten eines Fonds pro Jahr und wird in der Regel einmal im Jahr direkt aus dem Fondsvermögen entnommen. Ein ETF mit 0,20 % TER belastet das Fondsvermögen rechnerisch mit 20 Euro pro 10.000 Euro Anlagevolumen und Jahr. Bei 0,05 % sind es entsprechend nur 5 Euro. Das ist transparent und einfach zu verstehen, ist im Großen und Ganzen aber nur ein Preisschild eines ETFs, zeigt aber nicht das tatsächliche Ergebnis in der Rendite.

Ein ETF mag für den Inhaber zwar ein Selbstläufer sein, im Hintergrund müssen aber konstant Wertpapiere gekauft und verkauft werden, Dividenden vereinnahmt und Steuern berücksichtigt werden. Auch Änderungen am Index müssen nachgebildet und die Liquidität von tausenden Anlegern effizient verwaltet werden. All das kann Rendite kosten, und manches kann sogar Rendite zurückbringen.

In der Praxis bedeutet dies: Ein ETF mit niedriger TER kann seinen Index schlechter nachbilden als ein ETF mit etwas höherer TER. Umgekehrt kann ein vermeintlich teurerer ETF in der Praxis näher am Index liegen. Deshalb ist es zu kurz gedacht, ETFs nur nach der günstigsten Kostenquote zu sortieren.

Was die Tracking Difference misst

Die Tracking Difference misst die Renditedifferenz zwischen einem ETF und seinem Vergleichsindex über einen bestimmten Zeitraum. Sie zeigt also, was nach Kosten, Steuern, Umsetzung und Zusatzerträgen wirklich herausgekommen ist. Ein einfaches Beispiel:

Der Index steigt in einem Jahr um 10 %. Der ETF steigt um 9,80 %. Dann hat der ETF seinen Index um 0,20 Prozentpunkte verfehlt. Steigt der Index hingegen um 10 % und der ETF um 10,05 %, hat der ETF den Index sogar um 0,05 Prozentpunkte übertroffen. Die reine Rendite ist für Anleger wichtiger als die bloße TER. Die Tracking Difference zeigt nicht nur, was auf dem Preisschild stand, sondern was im Ergebnis tatsächlich angekommen ist.

Beispiele aus der Praxis

Ein paar Zahlen machen den Unterschied greifbarer, sind jedoch keine Produktempfehlung, sondern einfache Beispiele zur Veranschaulichung der Mechanik. Die Beispiele stammen trackingdifferences.com, wo eine Vielzahl von Produkten entsprechend miteinander verglichen werden kann. Dort wird unter anderem der Xtrackers MSCI World UCITS ETF 1C mit einer TER von 0,19 % geführt. Die durchschnittliche jährliche Tracking Difference seit 2015 liegt dort bei minus 0,05 % pro Jahr. Das bedeutet: Der ETF war im Durchschnitt nicht nur günstiger, als die TER vermuten lässt, sondern lag sogar leicht vor dem Index. Auch der iShares Core MSCI World wird dort mit 0,20 % TER geführt. Die durchschnittliche Tracking Difference liegt bei -0,08 % pro Jahr. Für 2024 wird dort eine Tracking Difference von 0,0 % angegeben. Auch hier zeigt sich: Die sichtbare TER erklärt nicht automatisch, was am Ende im Vergleich zum Index passiert.

Ein ETF mit 0,19 oder 0,20 Prozent TER ist nicht automatisch um genau diesen Wert schlechter als der Index. Die reale Abweichung kann höher, niedriger oder sogar positiv für den Anleger ausfallen. Entscheidend ist die Umsetzung.

Die Vorzeichen-Falle

Bei der Tracking Difference gibt es eine praktische Gemeinheit: Nicht jede Quelle rechnet gleich herum. Manche Portale berechnen sie indem sie die Indexrendite minus die ETF-Rendite rechnen, woraus sich dann ein positiver Wert ergibt, wenn der ETF schlechter lief als der eigentliche Index. Ein negativer Wert bedeutet hingegen, dass der ETF besser lief. Andere Quellen berechnen die ETF-Rendite minus die Indexrendite, wie wir es oben getan haben. Dann dreht sich die Bedeutung des Vorzeichens um. Ein positiver Wert zeigt eine bessere ETF-Rendite, ein negativer Wert eine schlechtere. Wer nur auf Plus oder Minus schaut, kann die Kennzahl falsch verstehen.

Warum ETFs vom Index abweichen

Ein Index ist zunächst einmal ein theoretisches Konstrukt, ohne eine Depotbank oder Handelskosten, die Auswirkungen auf die tatsächliche Performance haben. Auch muss der pure Index keine Liquidität seiner Käufer steuern oder hat operative Kosten. Ein ETF ist hingegen das eigentliche und echte Produkt, dass dieses theoretische Konstrukt als Basis verändert. Schon allein deswegen kann ein Index nie punktgenau von einem ETF getroffen werden. Sie laufen zwangsläufig immer etwas auseinander.

Die wichtigsten Gründe für Abweichungen sind laufende Kosten, Transaktionskosten, Steuern auf Dividenden, Rebalancing, Replikationsmethode, Wertpapierleihe, Spreads und die Frage, welche Indexvariante als Vergleich genutzt wird. Gerade bei breiten Weltindizes wird das sichtbar. Ein Index mit mehr als tausend Titeln lässt sich theoretisch vollständig nachbauen. Praktisch nutzen manche Anbieter optimiertes Sampling und kaufen dann nicht jede einzelne Aktie in exakt gleicher Gewichtung, sondern eine Auswahl, die den Index möglichst gut abbilden soll. Das spart Kosten und Aufwand, kann aber Abweichungen erzeugen.

Warum ein ETF den Index schlagen kann

Viele Anleger erwarten, dass ein ETF wegen der Kosten immer etwas schlechter laufen muss als sein Index. Das ist naheliegend, aber nicht immer richtig. Ein ETF kann seinen Index unter bestimmten Umständen übertreffen. Die wichtigsten Parameter sind hier Quellensteuern auf Dividenden. Viele internationale Indizes rechnen mit bestimmten Steuerannahmen. Ein realer ETF kann je nach Fondsdomizil, Doppelbesteuerungsabkommen und Struktur teilweise günstiger abschneiden als die Indexannahme. Besonders häufig wird in Europa über irische Fondsdomizile gesprochen, weil Irland bei US-Dividenden für viele Fondsstrukturen steuerlich vorteilhaft sein kann.

Dazu kommt Wertpapierleihe. Ein ETF kann gehaltene Aktien gegen Gebühr verleihen. Ein Teil dieser Einnahmen fließt dem Fonds zu und kann die laufenden Kosten teilweise ausgleichen. Das ist kein kostenloses Geschenk, denn Wertpapierleihe bringt Gegenpartei­risiken mit sich. Seriöse Anbieter besichern solche Geschäfte, trotzdem bleibt es ein Baustein, den Anleger verstehen sollten.

Auch die Replikationsmethode kann helfen. Ein synthetischer ETF bildet den Index nicht durch direkten Kauf aller Aktien nach, sondern über ein Tauschgeschäft, einen sogenannten Swap. Das kann bei bestimmten Indizes steuerliche oder operative Vorteile bringen. Es bringt aber ebenfalls eine andere Risikostruktur mit sich.

Kurz gesagt: Die TER zieht Rendite ab. Andere Effekte können Rendite kosten oder zurückholen. Die Tracking Difference zeigt die Summe dieser Abweichungen.

Tracking Difference ist nicht Tracking Error

Tracking Difference und Tracking Error werden oft durcheinandergeworfen. Sie messen jedoch unterschiedliche Dinge. Die Tracking Difference ist die Ergebnisrechnung und zeigt, wie stark ETF und Index über einen Zeitraum auseinanderlagen. Der Tracking Error misst hingegen die Schwankung dieser Abweichung. Er zeigt also, wie ruhig oder unruhig ein ETF seinem Index folgt.

Ein ETF kann eine geringe Tracking Difference haben, aber zwischendurch stärker um den Index schwanken. Ein anderer kann sehr ruhig folgen, am Ende aber dauerhaft etwas Rendite verlieren. Für langfristige Anleger ist die Tracking Difference meist greifbarer, weil sie das Ergebnis zeigt. Der Tracking Error ist zusätzlich nützlich, wenn es darum geht, die Stabilität der Indexabbildung zu bewerten.

Ein einfacher Merksatz genügt: Tracking Difference zeigt, was am Ende fehlte oder zusätzlich kam. Tracking Error zeigt, wie stark der ETF unterwegs vom Index abwich.

Ein Jahr ist zu wenig

Um wirklich Aussagekraft zu haben, sollte ein möglichst langer Beobachtungszeitraum herangezogen werden. Vielleicht hat das Sampling in einem Jahr besonders gut funktioniert oder einzelne Dividendenzeitpunkte lagen besonders günstig für die Berechnung. Vielleicht haben aber auch Quellensteuereffekte geholfen oder das Rebalancing war ungewöhnlich aufwendig und damit viel teurer als sonst. Deshalb reicht ein einzelnes Jahr nicht. Sinnvoller ist der Blick über mehrere Jahre. Drei bis fünf Jahre geben ein aussagekräftigeres Bild, noch besser ist der Vergleich mehrerer ETFs auf denselben Index.

Wenn ein ETF seinen Index über viele Jahre sauber trifft oder sogar leicht übertrifft, ist das ein gutes Zeichen. Wenn er trotz niedriger TER dauerhaft schlechter abschneidet als vergleichbare Produkte, sollte die niedrige Kostenquote nicht blenden.

Wo Anleger die Tracking Difference finden

Die Tracking Difference steht selten so prominent im Factsheet wie die TER. Trotzdem lässt sie sich einfach finden. Praktische Anlaufstellen sind ETF-Portale wie extraETF, justETF oder eben spezialisierte Seiten wie trackingdifferences.com. Dort lassen sich ETFs auf denselben Index oft besser vergleichen als auf den Werbeseiten der Anbieter. Offizieller, aber aufwendiger zu recherchieren sind die Jahresberichte und Unterlagen der Anbieter. Dort finden sich Renditedaten von Fonds und Vergleichsindex. Wer es exakt prüfen will, muss aber aufpassen, welche Indexvariante verwendet wird und welche Berechnungslogik hinter der Abweichung steht.

Für Anleger ist die Tracking Difference unterm Strich die wichtigste Kennzahl, denn am Ende zählt nicht die schönste Kostenquote im Factsheet, sondern die tatsächliche Rendite nach Abzug aller Kosten, Steuern und Transaktionsgebühren. Wer ETFs vergleicht, sollte deshalb nicht einfach nach der niedrigsten TER sortieren und den Blick stets auf mehrere Kennzahlen und vor allem einen möglichst langen Vergleichszeitraum legen.

Am wichtigsten bleibt: Ein ETF ist immer besser als keine Geldanlage. An der einfachen Umsetzung sollte die ausführlichste Recherche niemals scheitern!

Letzte Aktualisierung am 19.07.2026 um 20:47 Uhr / Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API

Andreas Stegmüller

Andreas Stegmüller

Ist Gründer und Betreiber dieses Blogs. Hat während seiner mehr als zehnjährigen Redakteurs-Laufbahn schon für mehrere große Medien zu den unterschiedlichsten Themen geschrieben. Die Börse ist seit 2016 seine Leidenschaft.

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