Nettosteuerzahler: Die tragende Basis des deutschen Staates ist klein

Deutschland gibt mehr als die Hälfte seiner Wirtschaftsleistung über den Staat aus. Doch die private Finanzierungsbasis ist kleiner, als viele denken.

Nettosteuerzahler: Die tragende Basis des deutschen Staates ist kleinBild: KI-generiert

2025 gab der deutsche Staat nach aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes (Destatis) rund 2.263 Milliarden Euro aus. Dem gegenüber stand ein nominales Bruttoinlandsprodukt von rund 4.470 Milliarden Euro. Damit liefen rechnerisch gut 50,6 % der jährlichen Wirtschaftsleistung durch staatliche Haushalte und Sozialkassen. Der deutsche Staat ist also ziemlich aufgebläht und zu einem riesigen Umverteilungs-, Beschäftigungs- und Versorgungs­kreislauf mutiert. Das Zahlenspiel zeigt ungeniert das eigentliche Problem auf und ist deutlich einfacher darzustellen, als die moralische Einordnung nach fleißigen und weniger fleißigen Bürgern. Wer verstehen will, warum aus gutem Bruttoeinkommen oft erstaunlich wenig Vermögen entsteht, muss genau dort ansetzen.

Deutschland spricht gern über Steuerzahler. Fast jeder zahlt irgendwo Steuern. Beim Einkauf fällt Umsatzsteuer an, auf Energie entfallen zusätzliche Abgaben und selbst Rentner zahlen Konsumsteuern, Beamte Einkommensteuer, Politiker ebenfalls. Das schaut zunächst nach einer breiten Lastverteilung aus, doch ökonomisch betrachtet ist das Thema komplexer. Entscheidend ist nämlich nicht nur, wer Steuern zahlt. Entscheidend ist, wer den Staat netto aus privat erwirtschafteter Wertschöpfung finanziert. Und genau diese Gruppe ist in den vergangenen Jahren stetig kleiner geworden. Man spricht vom Nettosteuerzahler.

Der Staat nimmt nicht nur Steuern, er verbraucht Wirtschaftsleistung

Die volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen von Destatis zeigen für 2025 Staatseinnahmen von rund 2.139 Milliarden Euro und Staatsausgaben von rund 2.263 Milliarden Euro. Das Defizit lag damit bei rund 124 Milliarden Euro, bzw. bei 2,8 % des nominalen Bruttoinlandsprodukts. Allein die Größenordnung verändert den Blick, denn Deutschland hat keinen kleinen Staat, der nur gelegentlich in die Wirtschaft eingreift. Deutschland hat einen Staat, der mehr als die Hälfte einer Jahreswirtschaftsleistung über Ausgaben bewegt.

Darin stecken unter anderem Renten, Pensionen, Gesundheit, Pflege, Verwaltung, Bildung, Verteidigung, Zinsen, Subventionen, Transfers und öffentliche Investitionen. Das ist nicht unbedingt falsch, doch ein modernes Land benötigt auch Infrastruktur, Sicherheit, Gerichte, Schulen, Verwaltung und soziale Sicherung, um weiter wachsen oder zumindest seine wirtschaftliche Stärke behaupten zu können. All diese Leistungen fallen jedoch nicht vom Himmel. Sie werden aus laufender Wertschöpfung bezahlt. Wenn die Ausgaben schneller steigen als die private Basis, die sie tragen muss, so wird aus staatlicher Stabilität zwangsläufig eine Lastverschiebung.

Schulden ändern daran nichts, sie ziehen das Problem lediglich weiter in die Zukunft. Ein Defizit von rund 124 Milliarden Euro taucht einfach später wieder über Zinsen, höhere Steuern, höhere Beiträge, Inflation oder geringere Spielräume für künftige Haushalte wieder auf. Und genau deshalb reicht es nicht, nur auf die Lohn- und Einkommensteuer zu schauen. Der Staat langt an mehreren Stellen zu: bei Einkommen, bei Sozialbeiträgen, beim Konsum, bei Energie, bei Unternehmen und über die Verschuldung in der Zukunft. Sogar bei der eigenen Altersvorsorge in Form von Kapitalerträgen.

Für den einzelnen Arbeitnehmer zählt am Ende nicht, wie die Abgabe heißt, und vielleicht auch nicht, wofür er sie eigentlich bezahlt wird. Entscheidend ist, wie viel von der eigenen Arbeitsleistung als frei verfügbares Einkommen später in Eigentum umgewandelt werden kann.

Steuerzahler ist nicht gleich Nettosteuerzahler

Der Begriff Nettosteuerzahler klingt hart, ist aber erst einmal nur eine Rechengröße. Gemeint sind Menschen oder Haushalte, die mehr an Steuern und Abgaben zahlen, als sie direkt über Transfers, staatliche Geldleistungen oder individuell zurechenbare Leistungen zurückerhalten. Ganz sauber lässt sich das nie auf den Euro genau messen. Straßen, Polizei, Gerichte, Schulen oder Verwaltung nutzen viele Menschen gleichzeitig. Trotzdem bleibt die Grundfrage berechtigt: Wer trägt den Staat unter dem Strich, und wer wird vor allem aus ihm finanziert?

Bei Beamten, Politikern und Beschäftigten im öffentlichen Dienst wird diese Unterscheidung besonders knifflig. Sie zahlen formal Steuern. Ein Lehrer, ein Polizist, eine Sachbearbeiterin im Finanzamt oder ein Bundestagsabgeordneter hat ein steuerpflichtiges Einkommen. Auf dem Steuerbescheid sieht das aus wie bei anderen Einkommen auch. Ökonomisch ist das allerdings nicht dasselbe. Das Einkommen stammt vorher aus öffentlichen Haushalten. Der Staat zahlt also zuerst ein Bruttogehalt und bekommt anschließend einen Teil davon als Steuer wieder zurück. Diese Steuerzahlung senkt die Nettokosten des öffentlichen Sektors, schafft aber keinen zusätzlichen Zufluss aus privater Wertschöpfung.

Das soll keine Abwertung dieser Arbeit sein. Im Gegenteil: Ohne Lehrer, Polizei, Justiz, Verwaltung und Verteidigung funktioniert keine freie Wirtschaft. Aber für die Finanzierungsrechnung ist der Unterschied. Ein privates Unternehmen muss Kunden finden, Produkte verkaufen, Aufträge gewinnen, Risiken tragen und aus diesem Prozess Löhne, Gewinne und Steuern erwirtschaften. Der öffentliche Dienst wird aus dem Haushalt bezahlt, den andere vorher füllen müssen.

Die Erwerbstätigenzahl täuscht über die Traglast hinweg

Deutschland hatte 2025 im Jahresdurchschnitt rund 45,98 Millionen Erwerbstätige. Das klingt zunächst nach einer soliden Basis, doch mit Blick auf die Gesamtbevölkerung von rund 83,5 Millionen Menschen arbeitet damit nur etwa jeder zweite Einwohner. Zum Stichtag 30. Juni 2025 arbeiteten davon rund 5,38 Millionen Menschen im öffentlichen Dienst. Wer diese 5,38 Millionen vom Erwerbstätigenwert 2025 abzieht, landet bei grob 40,6 Millionen Erwerbstätigen außerhalb des direkten öffentlichen Dienstes. Das sind weniger als 49 % der Bevölkerung und selbst diese Zahl ist noch großzügig gerechnet, denn darin stecken auch Teilzeitbeschäftigte, Minijobs, Niedriglöhner, Selbstständige mit schwankendem Einkommen, aufstockende Haushalte und Branchen, die stark an staatlicher Finanzierung hängen. Gesundheit, Pflege, Bildungsträger, Sozialwirtschaft, Subventionen, öffentliche Aufträge und regulierte Bereiche lassen sich nicht sauber ermitteln.

Die eigentliche private Finanzierungsbasis liegt deshalb nicht bei allen Einwohnern, nicht bei allen Steuerzahlern und auch nicht bei allen Erwerbstätigen. Sie liegt bei den Menschen und Unternehmen, deren Einkommen außerhalb des Staates entsteht und die netto mehr in den staatlichen Kreislauf hineingeben, als sie direkt wieder herausbekommen.

Der Abgabenkeil zeigt die Belastung besser als die Lohnsteuer

Viele Debatten über Belastung blenden genau das aus, weil sie sich nur auf die Einkommensteuer beschränken. Die eigentliche Belastung von Arbeit zeigt sich erst, wenn Arbeitgeberkosten, Arbeitnehmerbeiträge, Einkommensteuer und Sozialabgaben zusammen betrachtet werden. Die OECD nennt diese Größe Abgabenkeil. Er misst den Abstand zwischen dem, was ein Arbeitgeber für Arbeit bezahlt, und dem, was beim Arbeitnehmer nach Steuern und Sozialbeiträgen ankommt. Für einen alleinstehenden Durchschnittsverdiener lag dieser Abgabenkeil in Deutschland 2025 bei 49,3 %. Nur Belgien lag im OECD-Vergleich darüber.

Wenn also Arbeit den Arbeitgeber 100 Euro kostet, landet bei einem durchschnittlichen alleinstehenden Arbeitnehmer in Deutschland nur gut die Hälfte als Netto auf dem Konto. Der Rest fließt über Steuern und Sozialbeiträge an den Staat und die Sozialversicherungen. Für den Vermögensaufbau ist genau das das Problem. Nicht das Bruttoeinkommen entscheidet, sondern der Teil, der nach Abgaben, Wohnen, Energie, Mobilität, Familie und Konsum noch übrig bleibt. Wer in Deutschland aus Arbeit Vermögen bilden will, startet mit einem schweren Rucksack.

Das erklärt auch, warum viele Menschen mit gutem Einkommen sich nicht reich fühlen und das oftmals auch gar nicht sind, weil sie bereits mit 50 % mehr als der Durchschnitt zu dieser Klasse gezählt werden. Sie sind keine Transferempfänger, aber auch keine Vermögenden. Sie tragen hohe laufende Lasten und bauen nur langsam Eigentum auf. Auf dem Papier gehören sie maximal zur starken Mitte.

Der Sozialstaat braucht Zahler

Ein Sozialstaat benötigt Solidarität. Niemand muss vorgeben, als wären Renten, Pflege, Krankenversicherung oder Unterstützung in Notlagen überflüssig. Das Problem liegt nicht darin, dass ein Land Schwächere absichert. Das Problem beginnt, wenn der Staat die tragende Gruppe immer stärker belastet und gleichzeitig so wenig Eigentumsbildung zulässt, dass diese Gruppe selbst abhängig bleibt.

Die Sozialversicherungen werden größtenteils aus laufenden Einkommen finanziert und eigentlich nur zwischen den Generationen umverteilt. Die gesetzliche Rente hängt an Beiträgen der Erwerbstätigen und an Bundeszuschüssen. Gesundheit und Pflege werden teurer, weil die Bevölkerung altert und medizinische Leistungen mehr kosten.

Wenn die Erwerbstätigenzahl stagniert, die Bevölkerung altert und der öffentliche Sektor wächst, wird die Finanzierung immer schwieriger. Dann muss dieselbe private Basis mehr tragen. Entweder über höhere Beiträge, höhere Steuern, höhere Schulden oder über eine Mischung aus allem. Das betrifft immer die eigene Sparfähigkeit. Jeder zusätzliche Beitragssatzpunkt, jede kalte Progression, jede höhere Konsumsteuer und jede indirekte Abgabe verringern den Betrag, der monatlich in Rücklagen, Aktien, Immobilien, Unternehmensbeteiligungen oder andere Vermögenswerte fließen kann, um dem Staat und damit der Gesellschaft im Alter weniger auf der Tasche zu liegen.

Der öffentliche Dienst ist nötig, aber nicht die Finanzierungsquelle

Deutschland benötigt einen funktionierenden Staat. Wer innere Sicherheit, Gerichte, Schulen, Steuerverwaltung oder Verteidigung kaputtspart, zerstört auch die Grundlage privater Wertschöpfung. Trotzdem muss die Rechnung stimmen. Der öffentliche Dienst ist kein externer Finanzierer des Staates, sondern Teil des staatlichen Kreislaufs. Er kann notwendig, produktiv und gesellschaftlich wichtig sein, ersetzt jedoch keine private Wertschöpfungsbasis.

Destatis zeigt für den öffentlichen Dienst zwischen 2014 und 2024 einen Anstieg von 4,65 Millionen auf 5,38 Millionen Beschäftigte. Das ist ein Plus von 15,6 %. Besonders stark stieg die Zahl der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im öffentlichen Dienst. Auch das kann sachliche Gründe haben, aber jedes zusätzliche staatlich finanzierte Beschäftigungsverhältnis muss aus einer Basis getragen werden, die selbst nicht beliebig wächst. Wenn Industrie, Bau, Mittelstand und Selbstständigkeit schwächeln, während staatsnahe Bereiche wachsen, verschiebt sich die Last. Dann wird der Staat größer, ohne dass die private Finanzierungsbasis im gleichen Tempo stärker wird.

Ein Land kann sich viel Staat leisten, wenn seine private Wirtschaft stark genug ist. Wenn diese Kraft nachlässt, wird aus einem großen Staat kein Schutzschild, sondern ein Kostenblock.

Fazit

Wer in Deutschland Vermögen aufbauen will, muss akzeptieren, dass laufendes Arbeitseinkommen stark belastet wird. Ein gutes Brutto genügt nicht. Vermögen entsteht erst, wenn aus dem verbleibenden Netto regelmäßig Eigentum wird. Genau dieser Schritt muss organisiert werden, bevor der Alltag den Rest verbraucht. Das klingt hart, ist aber die nüchterne Lehre aus den Zahlen. Ein Arbeitnehmer kann die Staatsquote nicht allein senken. Er kann auch die Demografie nicht ändern. Aber er kann verstehen, dass der Staat in Zukunft eher mehr Geld benötigen wird als weniger.

Wer sich vollständig auf den Staat verlässt, hängt an genau dem System, dessen Finanzierungsbasis kleiner wird. Deutschland hat keinen armen Staat. Ein Sozialstaat braucht Menschen, die ihn finanzieren. Wenn diese Gruppe zu klein wird, steigen die Lasten für diejenigen, die noch tragen. Dann wird aus Solidarität schleichend Überforderung…

Letzte Aktualisierung am 20.07.2026 um 11:33 Uhr / Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API

Andreas Stegmüller

Andreas Stegmüller

Ist Gründer und Betreiber dieses Blogs. Hat während seiner mehr als zehnjährigen Redakteurs-Laufbahn schon für mehrere große Medien zu den unterschiedlichsten Themen geschrieben. Die Börse ist seit 2016 seine Leidenschaft.

Börsenlexikon

Passenden Begriff direkt vertiefen

Dieser Begriff ist ein passender Beispielbegriff zum Thema des Artikels. Öffne den kuratierten Eintrag oder suche direkt im Börsenlexikon weiter.

Passender Beispielbegriff Earnings Gewinnmeldung eines Unternehmens, häufig im Quartalsrhythmus. Zum Lexikoneintrag Weiterer Beispielbegriff Take-Profit Vorab definiertes Gewinnziel, bei dem eine Position automatisch geschlossen wird. Zum Lexikoneintrag