Altersvorsorgedepot: Die Reform ist besser, aber noch lange nicht gut

Das Altersvorsorgedepot bringt ETFs in die geförderte Altersvorsorge. Fortschritt ja, aber kein Freifahrtschein für blinde Produktgläubigkeit.

Altersvorsorgedepot: Die Reform ist besser, aber noch lange nicht gutBild: KI-generiert

540 Euro Förderung im Jahr klingen zunächst nach einem ordentlichen Angebot, und wer privat fürs Alter vorsorgt und dafür zusätzlich Geld vom Staat bekommt, der hat auf den ersten Blick einen echten Vorteil gegenüber dem normalen Depot. Genauso wurde in Deutschland aber schon einmal Altersvorsorge verkauft. Bei Riester stand die Förderung im Mittelpunkt, die eigentliche Abrechnung kam später: hohe Kosten, komplizierte Verträge, starre Garantien und am Ende bei vielen Sparern die Verwunderung, warum von der guten Idee so wenig übrig geblieben ist.

Das geplante Altersvorsorgedepot soll ab 2027 vieles besser machen: mehr Kapitalmarkt, mehr Fonds und ETFs, weniger Garantiedenken. Das kommt spät, denn Deutschland hat viel zu lange so getan, als sei private Altersvorsorge nur dann sinnvoll, wenn jeder eingezahlte Euro nominal garantiert wird. Für Menschen, die 30 oder 40 Jahre sparen, ist diese Einsicht oft kostspielig geworden. Die versprochene Sicherheit hat viele Renditechancen genommen.

Trotzdem sollte die neue Reform nicht zu früh gefeiert werden. Ein Altersvorsorgedepot ist nicht automatisch eine gute Altersvorsorge, nur weil Fonds und ETFs darin vorkommen. Die eigentliche Rechnung beginnt erst nach der Überschrift: Wie hoch sind die Kosten? Wie frei bleibt das Geld? Wie wird später besteuert? Welche Produkte werden angeboten und wie viel von der staatlichen Förderung landet am Ende tatsächlich beim Sparer anstatt beim Dienstleister?

Das Ende von Riester ist längst überfällig

Riester ist nicht daran gescheitert, dass der Staat private Vorsorge gefördert hat. Förderung kann sinnvoll sein, wenn sie Menschen dazu bringt, regelmäßig Vermögen aufzubauen. Gescheitert ist Riester an der deutschen Mischung aus Sicherheitsversprechen, Vertrieb, Bürokratie und Kosten. Die Beitragsgarantie war für viele Sparer beruhigend, wurde aber gerade in der Niedrigzinsphase zum Problem. Anbieter mussten Garantien darstellen, Absicherungen einbauen und Verträge so konstruieren, dass die nominale Sicherheit wichtiger wurde als die reale Kaufkraft im Alter.

Das ist für langfristige Vorsorge eigentlich zweitrangig: Wer mit 30 beginnt, fürs Alter zu sparen, braucht nicht dieselbe Sicherheit wie jemand, der das Geld in zwei Jahren benötigt. Schwankungen am Aktienmarkt sind unangenehm, aber bei langen Laufzeiten nicht automatisch das größte Risiko. Viel gefährlicher ist eine Vorsorge, die über Jahrzehnte zu wenig Rendite nach Kosten und Inflation erwirtschaftet.

Das Altersvorsorgedepot setzt genau an dieser Stelle an. Es soll geförderte Produkte ohne klassische Beitragsgarantie ermöglichen. Daneben sind weiterhin Garantievarianten vorgesehen, etwa mit 80 % oder 100 % Beitragserhalt. Allein diese Wahl ist ein Fortschritt gegenüber der alten Riester-Logik. Der Staat erkennt damit an, dass langfristige Altersvorsorge ohne Kapitalmarkt kaum noch vernünftig gedacht werden kann.

Die Förderung klingt stärker, als sie allein ist

Nach den Plänen des Bundesfinanzministeriums soll die Förderung einfacher werden als bei Riester. Für die ersten 360 Euro Eigenbeitrag pro Jahr gibt es 50 Cent je eingezahltem Euro vom Staat. Für weitere Beiträge bis insgesamt 1.800 Euro jährlich sind 25 Cent je Euro vorgesehen. Daraus ergibt sich eine maximale Grundzulage von 540 Euro im Jahr. Wer ohnehin langfristig spart, wird diese Förderung gerne mitnehmen. Die Förderung ist natürlich keine Renditegarantie. Sie ist nur zusätzliches Geld, das in ein bestimmtes Vorsorgesystem fließt. Ob daraus ein echter Vorteil wird, hängt davon ab, was dieses System kostet und welche Einschränkungen damit verbunden sind.

Genau hier lag bereits bei Riester der Konstruktionsfehler. Es wurde zu stark auf die Zulage geschaut und zu wenig auf das, was über Jahrzehnte im Vertrag passiert. Bei Altersvorsorge wirken kleine Unterschiede brutal lange. Ein Prozentpunkt höhere Kosten klingt in einem einzelnen Jahr harmlos. Über 35 oder 40 Jahre kann das jedoch einen erheblichen Teil der Förderung aufzehren. Deshalb muss das Altersvorsorgedepot gegen den normalen ETF-Sparplan gerechnet werden, nicht nur gegen Riester. Ein freies Depot bekommt keine Zulage. Dafür kann es sehr günstig sein, bleibt einfacher verständlich und ist nicht an einen staatlich definierten Vorsorgerahmen gebunden.

Der Staat verschiebt die Steuer, schafft sie aber nicht ab

Ein weiterer Vorteil des Altersvorsorgedepots liegt in der Ansparphase. Erträge sollen dort nicht laufend besteuert werden. Dividenden, Ausschüttungen und realisierte Gewinne können im System bleiben und weiterarbeiten. Bei langen Laufzeiten kann das einiges ausmachen, weil nicht ständig Kapital durch Steuern aus dem Anlageprozess herausgenommen wird. Ganz verschwindet die Besteuerung aber nicht, denn sie wird einfach in die Zukunft verlagert.

Nach aktuellen Plänen der Bundesregierung werden Leistungen in der Auszahlungsphase später besteuert. Das kann gut ausgehen, wenn der persönliche Steuersatz im Alter niedriger ist als während des Berufslebens. Es kann aber auch weniger attraktiv sein, wenn zusätzliche Einkünfte vorhanden sind, sich Steuergesetze ändern oder die spätere Besteuerung anders ausfällt als heute angenommen. Wer im Alter von 30 Jahren in ein Altersvorsorgedepot einzahlt, trifft eine Entscheidung für einen Zeitraum, in dem mehrere Regierungen, Steuerreformen und Haushaltskrisen liegen können. Der Staat setzt heute einen Anreiz und behält gleichzeitig die Möglichkeit, die Rahmenbedingungen in Zukunft politisch zu verändern. Hier schafft nur Sicherheit Vertrauen.

Ein normales Depot hat ebenfalls steuerliche Nachteile. Kapitalerträge werden besteuert, Vorabpauschalen können anfallen, beim Verkauf werden Gewinne direkt abgabepflichtig.

Die 150-Euro-Grenze zeigt, wie begrenzt die Reform bleibt

Die maximale Förderung des Eigenbeitrags endet bei 1.800 Euro im Jahr. Das sind 150 Euro im Monat. Für viele Haushalte ist das ein ernsthafter Betrag, gerade nach Miete, Energie, Lebensmitteln, Versicherungen und Mobilität. Für eine große Rentenlücke ist es trotzdem wenig, gerade dann, wenn man später einsteigt. Ein Arbeitnehmer, der im Alter mehrere hundert Euro im Monat zusätzlich benötigt, wird dieses Problem nicht allein über 150 Euro geförderte Monatsrate lösen. Bei langen Laufzeiten kann daraus mit Kapitalmarktrendite ein ordentliches Vermögen entstehen, vor allem wenn die Kosten niedrig bleiben. Aber das Altersvorsorgedepot ersetzt weder eine tragfähige gesetzliche Rente noch einen umfassenden privaten Vermögensaufbau.

Die Reform ist deshalb eher ein Eingeständnis als ein Befreiungsschlag. Der Staat sagt indirekt: Die alte Vorsorgewelt reicht nicht mehr, der Kapitalmarkt muss stärker hinein. Gleichzeitig bleibt die Förderung begrenzt und das Geld politisch gerahmt. Deutschland wagt Aktien, aber nur im verwalteten Korridor.

Neobroker können helfen

Die neue Reform wird auch deshalb interessant, weil digitale Broker und Plattformen den Markt anders bearbeiten können als Versicherer und klassische Banken. Viele Menschen kennen ETF-Sparpläne heute nicht mehr aus Beratungsgesprächen, sondern aus Apps. Ein Sparplan lässt sich schnell einrichten, Beträge sind niedrig, die Oberfläche ist einfach. Das hat die Einstiegshürde beim Investieren deutlich gesenkt – gerade bei jungen Sparern.

Für das Altersvorsorgedepot kann das gut sein. Wenn ein gefördertes Produkt einfacher, günstiger und transparenter wird als alte Versicherungsverträge, wäre viel gewonnen. Gerade Menschen, die Riester nie verstanden oder nie abgeschlossen haben, könnten über einen vertrauten digitalen Zugang eher ins regelmäßige Sparen kommen. Neobroker wie Scalable Capital* oder Trade Republiic* haben ihre Kostenstrukturen ohnehin knapp gehalten und können diese trotz des PFOF-Verbots weitergeben und damit letztlich eine günstige und solide Basis für das Altersvorsorgedepot schaffen.

Beide haben bereits angekündigt, entsprechende Produkte ab 2027 anzubieten. Wir sind gespannt!

Andreas Stegmüller

Andreas Stegmüller

Ist Gründer und Betreiber dieses Blogs. Hat während seiner mehr als zehnjährigen Redakteurs-Laufbahn schon für mehrere große Medien zu den unterschiedlichsten Themen geschrieben. Die Börse ist seit 2016 seine Leidenschaft.

Börsenlexikon

Passenden Begriff direkt vertiefen

Dieser Begriff ist ein passender Beispielbegriff zum Thema des Artikels. Öffne den kuratierten Eintrag oder suche direkt im Börsenlexikon weiter.

Passender Beispielbegriff Dividende Gewinnbeteiligung, die ein Unternehmen an seine Aktionäre ausschüttet. Zum Lexikoneintrag Weiterer Beispielbegriff Opening Range Kursspanne der ersten Handelsminuten als Referenz für Intraday-Trades. Zum Lexikoneintrag