Steuerreform 2027: Die Rechnung folgt wieder einmal spät

Die Steuerreform 2027 bringt Familien etwas Luft. Doch viele Änderungen wirken eher wie Rückgabe und Gegenfinanzierung als echte Wende.

Steuerreform 2027: Die Rechnung folgt wieder einmal spätBild: KI-generiert

Mehr als 600 Euro Entlastung im Jahr klingen erst einmal nach einer guten Nachricht. Für eine Familie mit zwei Kindern kann das ab 2028 tatsächlich einen zusätzlichen Puffer im Haushaltsbudget bedeuten. Nur ist gerade auch diese Zahl ein guter Grund, warum die Steuerreform 2027 viel größer erscheint, als sie eigentlich ist. Denn umgerechnet geht es um lediglich 50 Euro im Monat, die volle Wirkung kommt erst in zwei Jahren. Das ist kein gutes Zeugnis für einen Staat, der 2026 voraussichtlich knapp eine Billion Euro Steuern einnimmt.

Die Bundesregierung spricht von einem radikalen Reformkurs: 34 Maßnahmen, weniger Bürokratie, mehr Netto, eine stärkere Wirtschaft und ein stabilerer Sozialstaat werden versprochen. Doch in der tatsächlichen Steuerrechnung sieht das für viele ganz anders aus: höhere Freibeträge, etwas mehr Kindergeld, eine leicht abgeflachte Progression, dafür eine höhere Belastung bei sehr hohen Einkommen, weniger Handwerkerbonus und eine höhere Pauschalsteuer auf Minijobs.

Genau vor diesem Muster hatten wir bereits im März 2025 nach den ersten Plänen der neu angetretenen Regierung gewarnt. Neue Schulden, Sondervermögen und politische Versprechen verschwinden nicht einfach so, sondern können maximal nach hinten geschoben und auf andere abgewälzt werden. Sie fallen später immer wieder auf alle zurück – manchmal als offene Steuererhöhung, als gekürzter Vorteil oder eben als eine Entlastung, die in der Überschrift größer wirkt als auf dem Konto.

Was die Steuerreform 2027 überhaupt bringen soll

Nach Angaben des SPD-Bundesfinanzministers Lars Klingbeil soll die Einkommensteuerreform zum 1. Januar 2027 starten und ab 2028 vollständig umgesetzt sein. Das Entlastungsvolumen liegt bei rund 10 Milliarden Euro pro Jahr. Im Mittelpunkt stehen kleine und mittlere Einkommen, besonders Familien mit Kindern.

Das Paket dreht allerdings nur an bekannten Stellschrauben: Grundfreibetrag, Kinderfreibetrag, Kindergeld, Arbeitnehmerpauschbetrag und Tarifverlauf. Außerdem soll der Spitzensteuersatz später greifen. Die zweite Progressionszone soll flacher werden, also jener Bereich, in dem zusätzliche Einkommen schrittweise stärker besteuert werden.

Für viele Arbeitnehmer ist das besser als nichts. Wer jeden Monat mit Miete, Lebensmitteln, Energie, Mobilität und Versicherungen haushalten muss, wird ein paar hundert Euro im Jahr nicht wegwischen. Gerade Familien spüren solche Beträge am meisten. Trotzdem bleibt der politische Auftritt größer als die tatsächliche Wirkung. Es wird vieles schöngerechnet und sich selbst gefeiert.

Bei erwarteten Steuereinnahmen von 998,7 Milliarden Euro im Jahr 2026 entsprechen 10 Milliarden Euro ziemlich genau 1 % des Gesamtaufkommens. Für das deutsche Steuer- und Abgabensystem ist das Entlastungspaket also außerordentlich klein. Damit bleibt Deutschland ein Land, in dem ein gutes Bruttoeinkommen erstaunlich wenig freie Sparfähigkeit schafft.

Höherer Grundfreibetrag: richtig, aber nicht großzügig

Der Grundfreibetrag soll in zwei Stufen bis 2028 auf 12.900 Euro steigen. Eigentlich ist dieser lediglich ein Vehikel, das Existenzminimum nicht zu besteuern. Parallel dazu sollen der Kinderfreibetrag und das Kindergeld steigen. Gerade wer am unteren Rand der Einkommensteuer liegt, wird damit bei der Einkommensteuer später oder geringer belastet. Wer Kinder hat, profitiert zusätzlich. Nach Jahren stark gestiegener Preise ist das sinnvoll, weil viele Haushalte nicht an Wohlstand gewonnen haben, sondern nur versuchen, ihre alte Kaufkraft zu halten.

Trotzdem ist ein höherer Grundfreibetrag keinesfalls ein großzügiges Geschenk. Wenn Preise steigen, Mieten klettern und Löhne nominal nachziehen, muss der Staat den steuerfreien Bereich regelmäßig anpassen, um die Steuerfreiheit des Existenzminimums weiter zu gewährleisten. Andernfalls besteuert er stärker in Einkommen hinein, die real im Geldbeutel der Bürger keinerlei Wohlstandgewinn gebracht haben. Das ist die bekannte kalte Progression. Der Arbeitnehmer bekommt mehr Brutto, weil das Leben teurer wurde. Steuerlich sieht er auf dem Papier reicher aus, obwohl seine Kaufkraft kaum gestiegen ist. Wenn der Staat später Freibeträge erhöht, gibt er teilweise zurück, was Inflation und Tariflogik vorher aus der Lohnerhöhung geholt haben.

Eine echte Reform würde diesen Effekt dauerhaft und automatisch begrenzen. Die Steuerreform 2027 macht das nicht, sie bleibt eine politische Anpassung, die als Entlastung positiv verkauft wird.

Mehr Kindergeld: Hilfe im Alltag, keine große Wende

Das Kindergeld soll voraussichtlich bis 2028 auf 272 Euro steigen. Für Familien mit zwei Kindern nennt das Bundesfinanzministerium Beispielrechnungen von mehr als 600 Euro Entlastung im Jahr. Eine Pflegekraft und ein Busfahrer mit je 2.800 Euro brutto im Monat und zwei Kindern sollen demnach ab 2028 um rund 632 Euro im Jahr entlastet werden. Bei einer Erzieherin und einem Elektriker mit je 3.200 Euro brutto sind es mit rund 642 Euro unwesentlich mehr. Familien tragen hohe laufende Kosten und viele von ihnen haben trotz ordentlicher Arbeit wenig Spielraum für Rücklagen. Wer zwei Kinder großzieht, merkt jeden Preissprung bei Lebensmitteln, Kleidung, Betreuung, Energie oder Mobilität besonders stark.

Trotzdem sollte auch diese Zahl nicht positiver verkauft werden, als sie eigentlich ist. 632 Euro im Jahr sind gut 52 Euro im Monat, deckt in vielen Familien jedoch kaum mehr als einen Teil eines größeren Wocheneinkaufs oder hilft, die eigene Rentenlücke später schließen zu können. Auch Wohneigentum wird dadurch nicht plötzlich erreichbar. Ein solcher Beitrag sorgt nicht dafür, dass aus Arbeit automatisch Eigentum entstehen kann, was nötig wäre, um die komplette Gesellschaft später wirklich zu entlasten. Viele Familien bekommen dadurch etwas Luft, bleiben aber in einem System, das Einkommen stark belastet, Sozialbeiträge weiter erhöht und private Vorsorge ständig komplizierter macht. Man bleibt abhängig.

Arbeitnehmerpauschbetrag und Tarifverschiebung: Die Mitte bekommt etwas Luft

Weiterhin sieht das Reformpaket von Union und SPD vor, den Arbeitnehmerpauschbetrag voraussichtlich um 200 Euro auf 1.430 Euro anzuheben. Er mindert das zu versteuernde Einkommen für berufliche Ausgaben, ohne dass einzelne Kosten aufgelistet oder nachgewiesen werden müssen. Außerdem soll der Spitzensteuersatz künftig später greifen, bei rund 70.600 Euro zu versteuerndem Einkommen. Zum Vergleich: Aktuell greift dieser bei 69.879 Euro – ebenfalls nur ein sehr zögerlicher Vorstoß der Bundesregierung. Trotzdem ist es der Teil der Reform, der am ehesten die arbeitende Mitte entlastet und nicht nur als ein politisches Pflichtmittel angesehen werden kann.

Viele Menschen verdienen nicht schlecht, fühlen sich jedoch nicht wohlhabend. Auf dem Papier steht ein solides Einkommen, während auf dem Konto nach Abgaben und aller Lebenshaltungskosten oft viel zu wenig übrig bleibt, als es der Bruttowert eigentlich vermuten ließe. Wird die Steuerprogression flacher, wird automatisch Druck aus dem Steuerzahler-Kessel genommen und es wird zumindest teilweise verhindert, dass zusätzliche Einkommen zu schnell stärker besteuert werden. Für Menschen, die aus Arbeit Vermögen aufbauen wollen, zählt am Ende jeder Euro.

Deutschland hat nicht nur ein Einkommensteuerproblem, sondern ein Abgabenproblem. Lohnsteuer, Sozialbeiträge, Arbeitgeberkosten, Konsumsteuern, Energieabgaben und indirekte Belastungen wirken zusammen. Eine kleine Tarifverschiebung ändert nichts daran, dass Vermögensaufbau einfacher wird. Der Staat finanziert sich aus laufender privater Wertschöpfung. Wenn diese Basis immer stärker belastet wird, reicht eine kleine Entlastung im Tarif nicht aus, um das Vertrauen zurückzuholen oder langfristig für echte Verbesserung zu sorgen.

Reichensteuer: politisch bequem, strukturell dünn

Zur Gegenfinanzierung dieses Reförmchens soll die Reichensteuer angepasst werden. Der Satz von 45 % soll künftig ab 250.000 Euro zu versteuerndem Einkommen greifen. Ab 280.000 Euro soll zudem ein neuer Satz von 47 % gelten. Politisch lässt sich auch das sehr einfach gut verkaufen, denn die große Mehrheit ist davon nicht betroffen. Wer sehr viel verdient, sollte schließlich mehr tragen können – so zumindest der Tenor in der breiten Bevölkerung. Trotzdem zeigt auch dieser Punkt, wie begrenzt die Reform gedacht ist. Die Entlastung wird nicht durch einen schlankeren Staat finanziert, nicht durch eine harte Priorisierung der Ausgaben und nicht durch ein einfacheres Steuersystem. Sie wird zu einem Teil durch höhere Belastung an anderer Stelle abgesichert.

Das kann kurzfristig funktionieren, bleibt langfristig jedoch dieselbe politische Taktik: Gruppen werden gegeneinander verrechnet, die Struktur bleibt unverbessert dieselbe. Heute trifft es sehr hohe Einkommen, morgen vielleicht Kapitalerträge und Immobilien und übermorgen dann Erbschaften oder andere Vermögensformen. Wenn der Staat dauerhaft mehr Geld benötigt, sucht er nach neuen Zugriffspunkten. Steuern dienen oftmals nur dazu, um eigene Haushaltslöcher zu stopfen, und sind längst nicht mehr zweckgebunden.

Weniger Handwerkerbonus: Entlastung mit Rückseite

Doch damit nicht genug: Auch die steuerliche Absetzbarkeit von Handwerkerleistungen soll von 20 % auf 15 % sinken. Der maximale steuerliche Vorteil fällt damit von bis zu 1.200 Euro auf maximal 900 Euro pro Jahr. Im Vergleich zur Einkommensteuer und Reichensteuer wirkt das fast schon bedeutungslos. Tatsächlich dürfte das jedoch für viele Haushalte eine entscheidende Auswirkung haben. Wer eine Heizung warten lässt oder sie erneuert (weil er muss), ein Bad renoviert, eine Reparatur beauftragt oder Arbeiten im eigenen Haus durchführen lässt, konnte einen Teil der dafür fälligen Arbeitskosten bislang über die Handwerkerleistungen steuerlich geltend machen. Das funktioniert auch in Zukunft noch, jedoch mit einem viel geringeren Betrag, und erhöht somit im Jahresvergleich die Steuerlast wieder ein wenig.

Damit wird auch hier deutlich: Der Staat sorgt an einer Stelle für Entlastung, kürzt an einer anderen jedoch einen bestehenden Vorteil. Er gibt nicht einfach weniger Steuerlast zurück, sondern sortiert die Belastung lediglich neu, und auch deswegen kann man die geplante Steuerreform nicht als solche bezeichnen. Echte Entlastung ist das nicht.

Höhere Pauschalsteuer bei Minijobs: Der kleine Nebenverdienst wird teurer

Besonders perfide ist die geplante Änderung bei Minijobs, denn auch Minijobber sollen Teil der Gegenfinanzierung werden. Bislang wurden Minijobs vom Arbeitgeber pauschal mit 2 % versteuert, während der Arbeitnehmer keinerlei Abgaben zu tragen hatte. Diese Pauschalsteuer soll künftig auf 5 % steigen und trifft damit den Arbeitgeber direkt, der dann entweder weniger Minijobs anbieten kann oder aber sein Preisangebot weiterreichen muss, womit am Ende die Lohnpreis-Spirale weiter angeschubst wird.

Derweil findet man Minijobs ohnehin nur in kleinen Betrieben oder bei privaten Haushalten, die ohnehin knapp kalkulieren: in der Gastronomie, im Einzelhandel, bei der Haushaltshilfe, in Vereinen, bei Zustelldiensten und vielen Nebenverdiensten. Für manche ist der Minijob ein Zuverdienst neben Studium, Rente oder Familie. Für andere leistet er einen wertvollen Beitrag in der ohnehin knappen Haushaltsrechnung.

Wird diese Art der Beschäftigung steuerlich teurer, passt das so überhaupt nicht zur großen Entlastungserzählung der Bundesregierung. Der Staat nimmt nicht nur oben mehr, sondern greift auch bei kleinen Beschäftigungsformen zu und damit bei denen, die es eigentlich am nötigsten hätten, entlastet zu werden. Wer Arbeit attraktiver machen und sich als echten Sozialstaat verkaufen will, der darf solche Signale nicht setzen.

Digitale Steuererklärung: besserer Ablauf, gleiche Last

Mit MeinElster+ will die Bundesregierung die Steuerverwaltung vereinfachen. Eine automatisch vorausgefüllte digitale Steuererklärung, schnellere Steuernummern für Unternehmen und bessere Datennutzung sollen Prozesse beschleunigen. Viele Bürger und Unternehmer verlieren viel Zeit mit Formularen, Nachweisen und einer langsamen Verwaltung. Wenn der Staat viele der notwendigen Daten ohnehin schon hat, sollte er sie nicht jedes Jahr erneut abfragen. Weniger Bürokratie wäre ein echter Fortschritt, besonders für Selbstständige, kleine Unternehmen und normale Arbeitnehmer.

Allerdings darf eine digitale Verwaltung nicht mit einer Steuerentlastung verwechselt werden, denn eine einfachere und schnellere Steuererklärung senkt nicht automatisch die Steuerlast.

Bitte ehrlich machen!

Klar, die Steuerreform 2027 ist nicht wertlos! Sie bringt Familien, Arbeitnehmern und Teilen der Mitte mehr Netto vom Brutto und damit vielleicht den notwendigen Puffer, um im Alltag finanziell besser klarzukommen. Sie verschiebt Tarifgrenzen, erhöht Freibeträge und erkennt an, dass die Belastung durch Preise und Abgaben zu hoch geworden ist.

Wirklich groß ist allerdings nur der politische Auftritt. Die Reform dreht an Stellschrauben, die politisch ohnehin eigentlich festgeschrieben sein sollten, und geht die eigentlichen Probleme im Kern überhaupt nicht an. Einerseits wird entlastet und der Staat schlanker gemacht, an anderer Stelle holt man sich diesen Vorteil aber wieder von den Bürgern zurück. Statt Probleme zu lösen, werden die Belastungen einfach neu sortiert.

Der Staat wird in den kommenden Jahren eher mehr Geld benötigen als weniger: Rente, Pflege, Gesundheit, Verteidigung, Zinsen, Infrastruktur und neue politische Versprechen werden ganz sicher nicht günstiger. Deshalb bleibt die alte Warnung aktuell: Nach der Schulden-Orgie kommt zu einem anderen Zeitpunkt die Steuer-Orgie. Manchmal mit großem Namen, manchmal im Kleingedruckten.

Die Steuerreform wird politisch hervorragend verkauft, ist jedoch nur eine kleine Korrektur in einem teuren System.

Andreas Stegmüller

Andreas Stegmüller

Ist Gründer und Betreiber dieses Blogs. Hat während seiner mehr als zehnjährigen Redakteurs-Laufbahn schon für mehrere große Medien zu den unterschiedlichsten Themen geschrieben. Die Börse ist seit 2016 seine Leidenschaft.

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