Trefferquote: 7 von 10 Gewinntrades können Verluste bedeuten

Bei 7 von 10 Gewinntrades kann eine Strategie trotzdem verlieren. Für die Auswertung zählen Gewinn, Verlust, Kosten und Erwartungswert.

Trefferquote: 7 von 10 Gewinntrades können Verluste bedeutenBild: KI-generiert

Sieben von zehn Trades enden im Gewinn, dennoch landet am Ende des Tages ein Verlust in Höhe von 250 Euro auf dem Konto. Das klingt zunächst widersprüchlich, ist mathematisch jedoch problemlos möglich. Die Trefferquote sagt nämlich nur aus, wie oft eine Strategie gewinnt. Sie verrät aber nicht, wie groß die einzelnen Gewinne und Verluste tatsächlich ausfallen. Ein Trader kann häufig richtigliegen und trotzdem Geld verlieren, wenn die wenigen Verlusttrades deutlich größer sind als die vielen kleinen Gewinne.

Eine belastbare Auswertung benötigt deshalb mehr als eine positive Quote. Sie benötigt den durchschnittlichen Gewinn, den durchschnittlichen Verlust und die Kosten eines jeden Handels – und stets eine umfangreiche Statistik aus dem Trading-Tagebuch.

Trefferquote Trading ist nur ein Teil der Rechnung

Die Trefferquote wird wie folgt berechnet:

Trefferquote = Gewinntrades ÷ Anzahl aller Trades

Bei 40 Gewinntrades und 60 Verlusttrades hat der Trader eine Trefferquote von 40 % erreicht, was allein aber noch überhaupt nichts über das tatsächliche Ergebnis aussagt. Der Erwartungswert beschreibt, welchen durchschnittlichen Betrag eine Handelsidee pro Trade erwirtschaftet, wenn sie oft genug wiederholt wird. Die zentrale Rechnung lautet:

Erwartungswert = Trefferquote × durchschnittlicher Gewinn – Verlustquote × durchschnittlicher Verlust – Kosten

Der Erwartungswert ist auch nicht als eine Prognose für den nächsten Trade zu sehen, denn ein einzelner Verlust kann auch bei einer statistisch positiven Strategie auftreten. Für die Berechnung eignet sich die Einheit „R“. Ein R entspricht dem Betrag, der bei einem Trade maximal riskiert wird. Bei einem Risiko von 50 Euro entspricht ein Verlusttrade mit 1R also 50 Euro. Ein Gewinn von 2R beträgt 100 Euro. Damit lassen sich unterschiedliche Kontogrößen und Positionsgrößen vergleichbar machen.

Eine hohe Trefferquote kann negativ sein

Das Ergebnis kann also trotz einer hohen Trefferquote und damit einem hohen Erwartungswert immer auch negativ sein. Ein Beispiel:

  • 70 % Gewinntrades
  • durchschnittlicher Gewinn: 0,5R
  • 30 % Verlusttrades
  • durchschnittlicher Verlust: 2R.

0,70 × 0,5R – 0,30 × 2R = 0,35R – 0,60R = –0,25R

Die Strategie gewinnt sieben von zehn Trades. Trotzdem verliert sie vor Kosten durchschnittlich 0,25R pro Trade. Die Ursache liegt in der Verteilung der Gewinne. Die sieben Gewinner bringen jeweils nur 0,5R. Die drei Verlusttrades kosten jeweils 2R. Zwei große Verluste löschen somit die Gewinne aus mehreren erfolgreichen Trades vollständig aus. Eine hohe Trefferquote kann psychologisch angenehm sein. Sie erzeugt häufig das Gefühl, die Handelsidee funktioniere. Der Kontostand betrachtet jedoch nicht die Anzahl der positiven Trades, sondern deren exakten Geldwert.

Das Gegenteil ist ebenfalls möglich:

  • 40 % Gewinntrades
  • durchschnittlicher Gewinn: 2R
  • 60 % Verlusttrades
  • durchschnittlicher Verlust: 1R

0,40 × 2R – 0,60 × 1R = 0,80R – 0,60R = +0,20R

Diese Strategie gewinnt zwar weniger als die Hälfte ihrer Trades, besitzt vor Kosten trotzdem einen positiven Erwartungswert. Das ist kein Beweis, dass ein Chance-Risiko-Verhältnis von 2:1 grundsätzlich besser ist. Die Werte müssen zur tatsächlichen Strategie, zum Markt und zu den Kosten passen. Die Rechnung zeigt lediglich, warum die Trefferquote allein kein Qualitätsmerkmal ist.

Das CRV beschreibt nicht den späteren Erfolg

Das Chance-Risiko-Verhältnis setzt den möglichen Gewinn ins Verhältnis zum geplanten Verlust. Ein Trade mit 2R Gewinnziel und 1R Risiko hat ein geplantes Verhältnis von 2:1. Das bedeutet nicht, dass der Gewinn eintreten muss. Es beschreibt lediglich die ursprüngliche Handelsplanung. In der Praxis weichen die Ergebnisse häufig von der Planung ab:

  • der Stop-Loss wird vor dem Ziel erreicht
  • ein Gewinn wird vorzeitig mitgenommen
  • die Position wird wegen einer Nachricht geschlossen
  • Slippage verschlechtert den Ausstieg
  • Ein Teil der Position wird unterschiedlich behandelt
  • Gebühren reduzieren das tatsächliche Ergebnis

Aus einem geplanten Gewinn von 2R kann deshalb ein realisierter Gewinn von 0,8R, aus einem geplanten Verlust von 1R durch eine schnelle Kursbewegung mehr als 1R werden. Das Verhältnis sollte daher nicht nur vor dem Einstieg berechnet werden. Nach einer ausreichenden Zahl von Trades gehört auch das tatsächlich erzielte Verhältnis in die Auswertung. Ein Trading-Journal sollte mindestens festhalten:

  • geplantes Risiko in R
  • tatsächliches Ergebnis in R
  • Gebühren und weitere Kosten
  • Grund für den Einstieg
  • Grund für den Ausstieg
  • Abweichungen vom Handelsplan
  • Marktphase und Tageszeit.

Kosten verwandeln einen kleinen Vorteil in einen Verlust

Eine Strategie kann vor Kosten leicht positiv aussehen und nach Kosten negativ werden. Angenommen, der Erwartungswert beträgt vor Kosten 0,05R pro Trade. Bei einem Risiko von 50 Euro entspricht das 2,50 Euro. Wenn Gebühren, Spread und Slippage zusammen durchschnittlich 3 Euro pro Trade kosten, bleibt ein Verlust in Höhe von 0,50 Euro. Der Vorteil war also nicht groß genug, um die Handelskosten zu tragen.

Bei wenigen Trades fällt dieser Unterschied kaum auf. Bei 100 Trades summiert sich ein durchschnittlicher Nachteil von 0,50 Euro auf 50 Euro. Bei größeren Positionen und höheren Kosten steigt der Betrag entsprechend. Das alles erklärt, warum Backtests häufig bessere Ergebnisse zeigen als echte Konten. Historische Kursdaten enthalten nicht immer die tatsächlichen Spreads, Ausführungspreise und Verzögerungen. Besonders betroffen sind Strategien mit kleinen Kurszielen und hoher Handelsfrequenz. Je kleiner der geplante Gewinn pro Trade, desto größer wird der Anteil der Kosten am Ergebnis.

Eine Stichprobe von 20 Trades beweist wenig

Nach einer kurzen Gewinnserie entsteht leicht der Eindruck, eine Strategie funktioniere. Zwanzig Trades können dafür jedoch zu wenig sein, um das tatsächlich statistisch zu beweisen. Bei einer kleinen Stichprobe haben Zufall und einzelne Ausreißer besonders große Auswirkungen auf die Statistik. Ein außergewöhnlich hoher Gewinn kann den Durchschnitt erhöhen, während ein einzelner Fehler ihn in die andere Richtung verschieben kann. Die Marktphase, in der diese Stichprobe angefertigt wird, spielt ebenfalls eine Rolle. Eine Strategie, die in einem ruhigen Aufwärtstrend funktioniert, kann in einer Seitwärtsphase oder bei schnellen Nachrichtenbewegungen weniger zuverlässig funktionieren. Es genügt deshalb nicht, nur die Gesamtergebnisse zu betrachten.

Sinnvolle Auswertungen trennen Trades beispielsweise nach:

  • Setup
  • Tageszeit
  • Marktphase
  • Long- und Short-Richtung
  • Haltedauer
  • geplantem und tatsächlichem Ausstieg
  • regelkonformen und fehlerhaften Trades

Ein durchschnittlicher Gewinn von 1R kann aus einer stabilen Serie entstehen. Er kann aber auch durch zwei außergewöhnlich gute Trades verzerrt worden sein. Der Median, also der mittlere Wert einer sortierten Reihe, kann deshalb zusätzliche Hinweise liefern. Die längste Verlustserie gehört ebenfalls in eine solche Statistik. Eine Strategie mit positivem Erwartungswert kann mehrere Verluste hintereinander produzieren. Wer diese Möglichkeit nicht kennt, erhöht nach drei roten Trades möglicherweise das Risiko und beschädigt genau dadurch die langfristige Statistik.

Gewinner zu früh verkaufen, Verluste zu lange halten

Viele Auswertungen scheitern vor allem an der Abweichung vom eigenen Plan. Ein Gewinntrade wird bei 0,4R geschlossen, weil der Kurs kurzfristig zurückläuft. Ein Verlusttrade bleibt offen, weil eine Erholung erwartet wird. Dadurch schrumpfen die durchschnittlichen Gewinne, während die durchschnittlichen Verluste wachsen. Die Trefferquote kann dabei sogar steigen. Frühe Gewinnmitnahmen führen zu mehr kleineren Gewinnern, am Ende leidet das Konto trotzdem, wenn die wenigen Verlusttrades deutlich größer ausfallen.

Ein Trader muss deshalb nicht nur festhalten, ob er einen Trade gewonnen oder verloren hat. Viel wichtiger ist die Frage, ob die Position so beendet wurde, wie es die ursprüngliche Handelsidee vorgesehen hatte. Nur ein regelkonformer Verlust ist statistisch gesund, ein ungeplant großer Verlust ist gefährlicher, auch wenn der nächste Trade ihn zufällig wieder ausgleicht.

Erwartungswert ersetzt keine Risikobegrenzung

Ein positiver Erwartungswert schützt nicht vor größeren Verlustserien. Selbst eine funktionierende Strategie kann mehrere Male hintereinander verlieren. Die Positionsgröße muss deshalb immer so gewählt werden, dass eine solche Serie das Konto nicht aus dem Gleichgewicht bringt. Wer pro Trade 1R riskiert, muss wissen, wie sich zehn oder 15 Verlusttrades auf das Kapital und den eigenen Kopf auswirken. Wer nach jedem Verlust die Positionsgröße erhöht, verändert die eigene Statistik und vergrößert sein finanzielles Risiko erheblich. Der Erwartungswert bewertet die Handelsidee. Die Positionsgröße bestimmt, wie stark sich diese Idee auf das Konto auswirkt. Beide Rechnungen gehören zusammen. Ein schlechter Erwartungswert bleibt schlecht, wenn das Risiko kleiner wird. Ein guter Erwartungswert kann ebenfalls unbrauchbar werden, wenn die Positionen zu groß gewählt werden.

Wer diese Größen trennt, erkennt schneller, ob eine Strategie tatsächlich einen Vorteil besitzt oder nur häufig kleine Gewinne produziert.

Letzte Aktualisierung am 16.08.2026 um 15:10 Uhr / Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API

Andreas Stegmüller

Andreas Stegmüller

Ist Gründer und Betreiber dieses Blogs. Hat während seiner mehr als zehnjährigen Redakteurs-Laufbahn schon für mehrere große Medien zu den unterschiedlichsten Themen geschrieben. Die Börse ist seit 2016 seine Leidenschaft.

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