Das Ende des Payment-for-Orderflow-Verfahrens (PFOF) zwang vorrangig Neobroker dazu, ihr Geschäftsmodell zu überarbeiten, um ihre Dienste auch weiterhin kostendeckend anbieten zu können. Die beiden größten Anbieter in Deutschland, Trade Republic* und Scalable Capital* haben ihr Angebot inzwischen überarbeitet und teilweise Schlupflöcher gefunden, um ihren Kunden weiterhin den günstigen Aktien- und ETF-Kauf oder kostenlose Sparpläne mit Bruchstücken anbieten zu können.
So kostet eine Einzelorder mit einem Volumen über 250 Euro bei Scalable Capital im FREE-Tarif an der inzwischen hauseigenen European Investor Exchange 0,99 Euro. Ab dem 1. September 2026 werden an gettex daraus 1,99 Euro, während Xetra günstiger wird. Trade Republic nennt für die automatische Bestpreis-Ausführung 1 Euro und für die freie Börsenwahl 2 Euro.
Hinter diesen Preisangaben steckt mehr als ein neuer Gebührenvergleich. Seit dem 1. Juli 2026 dürfen Wertpapierfirmen von Dritten grundsätzlich keine Vergütung mehr dafür annehmen, dass sie Kundenorders an einen bestimmten Handelsplatz weiterleiten.
Das PFOF-Verbot ordnet den Neobroker-Markt neu
Beim Payment for Order Flow bezahlte ein Dritter den Broker für die Weiterleitung von Kundenorders an einen bestimmten Ausführungsplatz. Die Vergütung konnte daher für den Broker wichtiger sein als die Ordergebühr auf Kundenseite. Die EU verbietet diese Zahlungen inzwischen grundsätzlich. Deutschland hatte die mögliche Übergangsregelung genutzt und die Praxis für inländische Kunden bis zum 30. Juni 2026 weiter erlaubt. Seit dem folgenden Tag gilt das Verbot auch für den deutschen Markt. Die Neobroker mussten deshalb ihre Ausführungssysteme, Preislisten und Anreize neu sortieren.
Das bedeutet nicht, dass jede frühere PFOF-Ausführung automatisch für den Kunden schlecht war. Im Gegenteil: Sie ermöglichte erst günstige und oftmals sogar kostenlose Aktiensparpläne und günstige Orderausführungen. Eine BaFin-Untersuchung kam zu einem gemischten Ergebnis: Bei kleineren Ordervolumen konnten PFOF-Handelsplätze unter Einbeziehung der Transaktionskosten vorteilhaft sein. Bei größeren Orders und geringerer Liquidität am Referenzmarkt verschwand dieser Vorteil teilweise. Gerade Kleinsparer profitierten also.
Gebühren und Handelsplätze neu sortiert
Scalable Capital* setzt auf eine Kombination aus Preisänderungen und eigener Handelsinfrastruktur. So hat man gemeinsam mit der Börse Hannover die „European Investor Exchange“ (EIX) geschaffen, um künftig an den Ordergebühren mitverdienen zu können, ohne sie weitergeben zu müssen. Gerade im FREE-Tarif ist der Handelsplatz ein wichtiger Preisanker, denn dort kostet ein Trade pauschal 0,99 Euro. Bei PRIME+ entfällt die Gebühr für Orders ab 250 Euro, während für das Abo eine monatliche Grundgebühr in Höhe von 4,99 Euro aufgerufen wird. Sparplanausführungen bleiben dagegen in beiden Modellen kostenlos.
Gleichzeitig wird Xetra günstiger und damit einer der größten deutschen Handelsplätze. Die Ordergebühr sinkt von ehemals 3,99 Euro auf 1,99 Euro, die zusätzliche Börsenplatzgebühr entfällt. Ab dem 1. September 2026 kostet auch gettex, der bisherige Handelspartner für das PFOF-Verfahren, 1,99 Euro pro Trade. Für Anleger verschiebt sich damit die alte Rangfolge: gettex ist nicht mehr automatisch die günstigere Alternative zu Xetra, während die EIX an die günstigste Stelle rückt.
Auf den ersten Blick kann PRIME+ die Kosten für eine Orderausführung erheblich reduzieren. Doch 4,99 Euro im Monat entsprechen 59,88 Euro im Jahr, was die rechnerische Ersparnis deutlich drückt, denn erst nach 61 qualifizierten Trades pro Jahr wäre die Grundgebühr allein über die Orderkosten ausgeglichen. Weitere Leistungen und Bedingungen des Angebots, wie bessere Zinskonditionen, günstigere Crypto-ETPs oder weitere Features wie die Portfolioanalyse oder Preisalarme, sind dabei nicht berücksichtigt.
Trade Republic bündelt Börsenpreise
Trade Republic* verfolgt dagegen einen anderen Ansatz als Scalable Capital. Die neue, sogenannte Best-Price-Ausführung soll laut Unternehmensangaben handelbare Echtzeitkurse aller relevanten liquiden Börsen automatisch vergleichen. Ein aggregiertes Orderbuch führt dann die verfügbaren Geld- und Briefkurse zusammen. Für die automatische Ausführung nennt Trade Republic eine Abwicklungspauschale von 1 Euro je Trade, zuzüglich Fremdkosten und Spreads.
Daneben kann eine Direct-Price-Order eingesetzt werden. Dabei lässt sich der Handelsplatz gezielt auswählen, etwa Xetra, Euronext, NYSE oder Nasdaq. Trade Republic nennt dafür 2 Euro pro Trade unabhängig von der Ordergröße. Die Auswahl soll für Market-, Limit- und Stop-Orders möglich sein. Hierfür hat man ein umfangreiches Web-Terminal mit Charting, Screenern, Workspaces und Live-Marktdaten entwickelt. Die App soll nicht mehr nur Sparpläne und einfache Einzelorders abbilden, sondern auch aktivere Handelsabläufe unterstützen.
Der Unterschied ist wirtschaftlich interessant. Bei der Best-Price-Order übernimmt der Algorithmus die Suche nach einem verfügbaren Kurs. Bei der Direct-Price-Order entscheidet die Ordermaske über den Handelsplatz, dafür fällt eine höhere feste Gebühr an. Die freie Auswahl ist also nicht direkt kostenlos und keine Garantie, dass der gewählte Platz für jede Order das günstigste Gesamtergebnis liefert.
Eine 250-Euro-Order macht die Preisunterschiede sichtbar
Die aktuellen Modelle lassen sich an einer Order über 250 Euro grob nebeneinanderstellen. Die Prozentwerte beziehen sich nur auf die sichtbare Gebühr. Spreads, Fremdkosten und der tatsächlich erzielte Ausführungskurs sind darin nicht enthalten.
| Modell | Ausführung | Sichtbare Gebühr | Anteil bei 250 Euro |
|---|---|---|---|
| Scalable FREE an der EIX | EIX | 0,99 Euro | 0,40 % |
| Scalable PRIME+ an der EIX | EIX | 0 Euro ab 250 Euro, dazu 4,99 Euro pro Monat | 0 % je Order |
| Scalable an Xetra | Xetra, seit 8. Juli 2026 | 1,99 Euro | 0,80 % |
| Scalable an gettex | gettex, ab 1. September 2026 | 1,99 Euro | 0,80 % |
| Trade Republic Best-Price | automatischer Vergleich liquider Börsen | 1 Euro zuzüglich Fremdkosten und Spreads | 0,40 % zuzüglich |
| Trade Republic Direct-Price | frei wählbarer Handelsplatz | 2 Euro | 0,80 % |
Bestpreis ist nicht dasselbe wie niedrigste Gesamtkosten
Ein sichtbarer Kurs ist nur ein Teil der Orderrechnung. In den aktuellen Ausführungsgrundsätzen von Scalable Capital bilden der Preis des Finanzinstruments und sämtliche mit der Ausführung verbundenen Kosten das Gesamtentgelt. Dazu zählen unter anderem Provisionen, Handelsplatzentgelte, Clearing- und Abwicklungsgebühren. Weitere Kriterien können die Ausführungsgeschwindigkeit, Ausführungswahrscheinlichkeit, Liquidität, Ordertyp und Handelszeiten sein.
Bei einer Order über 250 Euro entsprechen 1 Euro Gebühr 0,4 % des Ordervolumens. 1,99 Euro liegen knapp unter 0,8 %, 2 Euro genau bei 0,8 %. Ein Spread von wenigen Basispunkten kann den Unterschied zwischen zwei Handelsplätzen bereits übertreffen. Wie kleine Gebühren über viele Transaktionen wirken, zeigt die langfristige Einordnung der Gebührenwirkung. Bei kleinen Orders wirkt die feste Gebühr noch stärker, bei größeren Orders gewinnt die Qualität der Ausführung relativ an Gewicht.
Auch die Uhrzeit verändert kann viel verändern: Während der Haupthandelszeiten sind viele Wertpapiere liquider und die Spreads oft enger. Bei ausländischen Wertpapieren, kleineren Unternehmen oder Orders außerhalb der wichtigsten Handelszeiten kann die Ordergebühr gegenüber dem verfügbaren Marktpreis in den Hintergrund treten. Ein günstiger Gebührenpunkt ist dann kein ausreichender Beleg für eine gute Ausführung.
Für Sparpläne bleibt die Rechnung einfacher
Bei Sparplänen bleibt die Rechnung erheblich einfacher. Scalable Capital* führt Sparpläne weiterhin ohne Ordergebühr aus und auch Trade Republic* bewirbt kostenlose Sparpläne. Für langfristig ausgerichtete Anleger, die regelmäßig in breit gestreute Anlageklassen investieren und selten Einzelorders platzieren, sind die neuen Börsenwahlmodelle deshalb weniger wichtig. Die Abwägung zwischen Einmalkauf und Sparplan zeigt, warum laufende Produktkosten, Sparplanumfang und steuerliche Behandlung zusammen betrachtet werden müssen.
Anders sieht es bei häufigen Einzelorders, kleinen Orderbeträgen und weniger liquiden Wertpapieren aus. Dort summieren sich feste Gebühren, Spreads und mögliche Abweichungen beim Ausführungskurs schneller. Die neue Transparenz kann helfen, diese Kosten sichtbar zu machen. Sie macht die Entscheidung aber nicht automatisch einfacher, weil mehr Auswahl auch mehr Vergleichsarbeit bedeutet.
Der Wettbewerb der Neobroker verschiebt sich damit von der schlichten Aussage „kostenlos handeln“ zu einer komplizierteren Frage. Wer kontrolliert den Orderweg, welcher Handelsplatz stellt die Liquidität und wie wird der Broker für seine Infrastruktur bezahlt? Scalable Capital setzt stärker auf die EIX als eigenen Preis- und Liquiditätsanker. Trade Republic baut einen Preisvergleich über mehrere Börsen und eine kostenpflichtige Handelsplatzwahl auf. Beide Modelle sind Antworten auf dasselbe regulatorische Problem, verteilen die Kosten und Abhängigkeiten aber unterschiedlich.
Neobroker 2026 werden damit nicht einfach teurer oder günstiger. Sie werden erklärungsbedürftiger.
Letzte Aktualisierung am 22.08.2026 um 11:45 Uhr / Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API




