Anlagehorizont: Warum 2, 5 oder 20 Jahre das Risiko verändern

Geld für Reparaturen braucht andere Eigenschaften als Geld für die Altersvorsorge. Wie 2, 5 und 20 Jahre Liquidität, Risiko und Schwankungen verändern.

Anlagehorizont: Warum 2, 5 oder 20 Jahre das Risiko verändernBild: KI-generiert

Eine kaputte Heizung wartet nicht auf die Erholung der Börse. Wenn die für die Reparatur benötigten 5.000 Euro in einer Anlage liegen, die zwischenzeitlich einen Buchverlust von 15 % eingefahren hat, dann bleiben im ungünstigsten Moment nur 4.250 Euro davon übrig. Die Rechnung des Handwerkers wird jedoch nicht weniger. Bei Geld, das erst in 20 Jahren für die Altersvorsorge benötigt wird, ist eine solche negative Schwankung nicht schlimm, im Gegenteil: Wer per monatlichem Sparplan vorsorgt, freut sich über niedrigere Preise und erhält somit mehr Anteile, deren Wert bis zur späteren Auszahlung noch genug Zeit hat, sich zu vermehren.

Der Anlagehorizont bestimmt, wie viel Zeit für eine Erholung bleibt und wie viel Risiko ein finanzielles Ziel verträgt. Die richtige Planung für alle Lebensbereiche erleichtert im finanziellen Alltag vieles.

Der Anlagehorizont ist mehr als eine Jahreszahl

Der Anlagehorizont beschreibt nicht einfach nur die Zeit, die seit dem Start der Anlage vergangen ist. Vielmehr beschreibt er den Zeitraum bis zu dem Moment, an dem ein bestimmter Betrag benötigt wird. Bei einem einmaligen Ziel zählt der früheste geplante Verwendungszeitpunkt. Bei einem Sparplan hat sogar jede Einzahlung ihren eigenen Anlagehorizont. Diese Unterscheidung verhindert einen häufigen Denkfehler, der im finanziellen Alltag für Sorgenfalten sorgen kann und nicht die eigentlich erhoffte Erleichterung oder gar Freiheit bringt.

Während das Depot auf mehr als 20 Jahre Laufzeit angelegt sein kann, ist ein anderer Teil des Geldes bereits in zwei Jahren für eine Renovierung fällig oder schlichtweg für eine ungeplante Ausgabe gedacht. Das gesamte Vermögen darf also nicht so behandelt werden, als würde es zwei Jahrzehnte unangetastet bleiben.

Bei jeder Geldanlage ist stets das Renditedreieck zu beachten, bei dem drei Ziele miteinander im Wettbewerb stehen: Sicherheit, Liquidität und Rendite. Sicherheit bedeutet, dass der Wert möglichst wenig schwankt. Liquidität bedeutet, dass das Geld zum benötigten Zeitpunkt verfügbar ist, und Rendite beschreibt die Chance, das Vermögen zu vermehren oder zumindest die Kaufkraft zu erhalten. Alle drei Eigenschaften lassen sich nicht gleichzeitig maximieren.

ZeitraumTypischer GeldzweckWas zum Termin zählt
2 JahreUngeplante Ausgaben: Reparaturen, Auto oder SteuerzahlungFlexibler Zugriff und möglichst geringer Wertverlust. Ein Verkauf im Minus darf nicht nötig sein.
5 JahreGrößere Anschaffung, Eigenkapital oder AusbildungEin fester Termin verlangt mehr Stabilität. Ein flexibles Ziel lässt mehr Zeit.
20 JahreAltersvorsorge und langfristiger VermögensaufbauZwischenzeitliche Rückgänge sind eher tragbar, solange keine Entnahme ansteht.

Auch Risikobereitschaft und Risikotragfähigkeit sind nicht dasselbe. Risikobereitschaft beschreibt, welche Schwankungen jemand psychologisch aushält. Risikotragfähigkeit hingegen, welchen Verlust die eigene finanzielle Situation verkraften kann. Eine Person kann zwar vielleicht fallende Kurse ruhig ertragen, die fällige Rechnung tut sich am Ende aber womöglich dennoch schwer.

Liquidität wird außerdem oft mit schnellem Verkauf verwechselt. Ein Wertpapier kann zwar an einem Börsentag verkauft werden, der Erlös dafür steht aber erst nach dem Verkauf fest. Wer das Geld zu einem bestimmten Termin und einer festgelegten Uhrzeit benötigt, benötigt nicht nur einen Käufer, sondern auch ausreichend Wert zum richtigen Zeitpunkt.

2 Jahre: Reparaturgeld muss verfügbar bleiben

Geld für eine kaputte Waschmaschine, ein Auto, eine neue Heizung oder eine unerwartete Zahnarztrechnung hat eine andere Aufgabe als das Geld, das für die Altersvorsorge gedacht ist. Es soll nicht möglichst stark wachsen, sondern eine finanzielle Unplanbarkeit auffangen, ohne dass dafür ein Kredit aufgenommen oder ein Depot im Verlust verkauft werden muss.

Das wirkt auf den ersten Blick unbedeutend, ist jedoch genau der Zweck: Eine Rücklage muss im Notfall funktionieren, nicht in einer langfristigen Renditestatistik gut aussehen. Wenn 5.000 Euro für eine Reparatur vorgesehen sind und der Wert kurz vor Rechnungserhalt um 15 % fällt, fehlen 750 Euro. Es entsteht eine Lücke, die aus dem laufenden Einkommen, einem Kredit oder einem anderen Vermögen geschlossen werden muss.

Für kurzfristig benötigtes Geld ist ein möglichst stabiler Wert oft wichtiger als die Aussicht auf eine höhere Rendite. Das bedeutet nicht, dass solche Anlagen ohne Risiko sind. Die Inflation kann die Kaufkraft mindern. Bei einem kurzen und festen Verwendungszweck ist dieser Kaufkraftverlust aber gegen das Risiko eines ungünstigen Verkaufs abzuwägen.

Der wichtigste Betrag ist nicht immer die komplette Rücklage. Manche Ausgaben können verschoben werden, andere nicht. Eine kaputte Heizung im Winter kann kaum warten. Ein neues Auto oder eine größere Reise lassen sich dagegen unter Umständen anders planen.

5 Jahre: Ein fester Termin verträgt weniger Schwankung

Ein Zeitraum von fünf Jahren liegt zwischen einer kurzfristigen Reserve und dem langfristigen Vermögensaufbau. Genau deshalb entstehen hier die meisten falschen Vorkehrungen. Fünf Jahre sind nicht lang genug für eine stark schwankende Anlage, aber auch nicht zu kurz für jede Form von Risiko.

Ein geplanter Immobilienkauf mit festem Termin stellt andere Anforderungen als der langfristige Vermögensaufbau. Wenn das Geld in fünf Jahren als Eigenkapital benötigt wird, kann ein Kursrückgang kurz vor dem Kauf die Finanzierung gefährden. Der Kaufpreis wartet nicht auf bessere Marktbedingungen, und die Bank ersetzt fehlendes Eigenkapital nicht durch eine langfristige Renditehoffnung.

Anders sieht es aus, wenn das Ziel flexibel ist: Wird die Anschaffung bei einem ungünstigen Marktumfeld um zwei oder drei Jahre verschoben, besteht mehr Zeit für eine Erholung. Auch ein bereits vorhandener Sicherheitspuffer kann die Lage verändern. Der schwankungsanfällige Teil darf dann aber nur Geld enthalten, dessen Verlust oder Verzögerung nicht sofort das eigentliche Ziel zerstört.

Die europäische Wertpapieraufsicht ESMA verlangt bei Anlageempfehlungen einen nachvollziehbaren Zusammenhang zwischen dem persönlichen Anlagehorizont und der empfohlenen Haltedauer eines Produkts. Ein Anlagehorizont von fünf Jahren sollte deshalb mit einer weiteren Eigenschaft verbunden werden: der Flexibilität des Ziels. Ein fester Termin senkt den tragbaren Risikorahmen, während ein beweglicher Termin ihn erhöht. Dazu kommt die Frage, ob der gesamte Betrag zu diesem Zeitpunkt benötigt wird oder nur ein Teil.

Gerade bei mittelfristigen Zielen lohnt sich eine zeitliche Staffelung. Geld, das im ersten Jahr nach dem Zieltermin benötigt wird, braucht mehr Stabilität als Geld, das erst später eingesetzt werden soll. So wird aus einem scheinbar einheitlichen 5-Jahres-Ziel eine Reihe kleinerer Zeiträume. Der früheste davon bestimmt, wie viel Schwankung der wichtigste Teil des Geldes aushalten darf.

20 Jahre: Zeit hilft, Inflation bleibt

Bei einem Anlagehorizont von 20 Jahren verändert sich die Gewichtung ganz gewaltig: Ein vorübergehender Kursrückgang muss nicht automatisch zu einem Verlust werden, wenn das Geld nicht verkauft werden muss. Mehrere Marktphasen und ganze Zyklen können durchlaufen werden. Ein Teil des Risikos besteht dann nicht mehr nur in fallenden Kursen, sondern auch darin, dass dauerhaft zu wenig Kaufkraft aufgebaut wird.

Die BaFin weist darauf hin, dass ein langer Anlagezeitraum historisch die Chance auf eine stabilere Renditeentwicklung erhöht. Das darf zwar weiterhin nicht als eine Garantie angesehen werden, zeigt jedoch, dass ein langer Zeitraum mehr Möglichkeiten bietet, zwischenzeitliche Schwankungen auszusitzen und letztlich nur die Wahrscheinlichkeit erhöht, überhaupt mit einem Plus aus der Anlage zu kommen. Für langfristige Ziele spielen daher überwiegend breit gestreute, schwankungsanfällige Anlageklassen eine größere Rolle. Die Streuung reduziert zusätzliche Risiken einzelner Unternehmen oder Schuldner.

Der Unterschied zwischen einem vorübergehenden Rückgang und einem dauerhaften Verlust muss klar bleiben: Ein breit gestreutes Vermögen kann sich nach einer schwachen Phase wieder erholen, muss es aber nicht innerhalb eines beliebigen Zeitraums tun. Eine einzelne Beteiligung kann dagegen dauerhaft an Wert verlieren oder vollständig ausfallen. Lange Zeit schützt nicht vor jedem Fehler.

Die Inflation arbeitet ebenfalls kontinuierlich gegen diejenigen, die Geld, Puffer und Vermögen besitzen, und hat gerade auf Jahrzehnte gerechnet erheblichen Einfluss auf die Kaufkraft. Geld, das nominal stabil bleibt, kann real an Wert verlieren. Der Anlagehorizont endet nicht zwingend mit dem Renteneintritt. Sobald erste Entnahmen anstehen, beginnt für den jeweils benötigten Betrag ein neuer, kürzerer Zeitraum. Geld für die ersten Jahre im Ruhestand darf nicht so behandelt werden wie Geld, das erst zehn oder 15 Jahre später gebraucht wird. Ein Kursrückgang während der Ansparphase hat andere Auswirkungen als ein Kursrückgang unmittelbar vor einer Entnahme.

Jeder Haushalt benötigt mehrere Geldtöpfe

Ein Haushalt kann gleichzeitig Geld als Notgroschen, größeren Puffer oder für die Altersvorsorge zurücklegen. Eine feste prozentuale Aufteilung ist jedoch schwierig festzulegen und immer sehr individuell. Die Struktur hängt von Einkommen, Schulden, Rücklagen, Verpflichtungen und den konkreten Zielen ab. Dabei sollten drei Punkte regelmäßig überprüft werden: erstens der früheste Zeitpunkt, an dem der Betrag benötigt wird. Zweitens die Frage, ob dieser Termin verschiebbar ist, und drittens die finanzielle Folge eines Wertverlusts: Kann die Ausgabe trotzdem bezahlt oder müsste dafür dann ein Kredit aufgenommen werden?

Verändert sich das Leben, verändert sich auch der Anlagehorizont der Geldtöpfe. Ein geplanter Hauskauf steht plötzlich an, während eine berufliche Unsicherheit zusätzliche Liquidität erfordern kann, um eine Zeit ohne Einkommen überbrücken zu können. Eine Geldanlage, die gestern noch langfristig war, kann morgen schon mittel- oder gar kurzfristig werden.

Geld für ein Ziel darf anders behandelt werden als Geld für die Zukunft

Eine Rücklage für Reparaturen darf langweilig sein, muss jedoch durchgehend verfügbar bleiben und ihren Zweck erfüllen. Die Altersvorsorge darf dagegen stark schwanken, weil genügend Zeit für eine Erholung vorhanden ist und die Inflation nicht einfach ignoriert werden kann. Der Anlagehorizont bestimmt jedoch nicht die zukünftige Rendite, sondern lediglich, wie viel Zeit dem Geld bleibt, um mit Schwankungen umgehen zu können. Je näher der Verwendungszeitpunkt rückt, desto weniger darf der Erfolg von einem günstigen Börsenjahr abhängen.

Wer Geld nach diesen Zeiträumen trennt, der benötigt keinen Einheitsplan für das gesamte Vermögen. Es genügt, jedem Betrag eine klare Aufgabe und einen passenden Zeitraum zu geben.

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Andreas Stegmüller

Andreas Stegmüller

Ist Gründer und Betreiber dieses Blogs. Hat während seiner mehr als zehnjährigen Redakteurs-Laufbahn schon für mehrere große Medien zu den unterschiedlichsten Themen geschrieben. Die Börse ist seit 2016 seine Leidenschaft.

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