Mehr Mitarbeiter als NVIDIA: Der Staat braucht keinen Kunden

Bundesagentur für Arbeit und Deutsche Rentenversicherung beschäftigen mehr Menschen als NVIDIA.

Mehr Mitarbeiter als NVIDIA: Der Staat braucht keinen KundenBild: KI-generiert

Im vierten Quartal 2025 arbeiteten bei der Bundesagentur für Arbeit 115.931 Menschen. NVIDIA, der wichtigste Anbieter von Rechenchips für die aktuelle KI-Welle, kam zum Ende seines Geschäftsjahres am 25. Januar 2026 weltweit auf nur rund 42.000 Beschäftigte. Auch die Deutsche Rentenversicherung liegt personell mit etwa 63.000 Vollzeitbeschäftigten deutlich über NVIDIA.

Diese Zahlen beweisen zwar noch keine Verschwendung, legen jedoch einen Unterschied offen, der in vielen Debatten über den Staat untergeht: NVIDIA muss seine wirtschaftliche Größe über freiwillige Käufe und Kapitalzuflüsse am Markt rechtfertigen, während Behörden und Sozialversicherungsträger ihre Aufgaben und Finanzierung über Gesetze erhalten.

Mehr Mitarbeiter als die wertvollsten Unternehmen

Der Vergleich der Mitarbeiterzahlen von Behörden und staatlichen Institutionen mit Unternehmen aus der freien Wirtschaft mag zwar deutlich sein, sollte jedoch nicht als plattes Produktivitätsranking missverstanden werden. Die Bundesagentur für Arbeit vermittelt nämlich nicht nur Stellen. Sie zahlt auch das Arbeitslosengeld aus, verwaltet Förderprogramme, unterstützt die Grundsicherung und betreibt die Familienkasse. Die Deutsche Rentenversicherung berechnet dagegen Rentenansprüche, zahlt Renten aus und übernimmt Leistungen zur Rehabilitation. Das sind wichtige, gesellschaftliche Aufgaben des Staates und etwas komplett anderes als die Entwicklung und der Verkauf von Chips.

Die Bundesagentur für Arbeit nennt für das vierte Quartal 2025 115.931 Beschäftigte und 101.277,4 Vollzeitäquivalente. Die Deutsche Rentenversicherung weist für ihre 16 Träger rund 63.000 Vollzeitäquivalente zum 30. Juni 2025 aus. NVIDIA meldete zum Ende des Geschäftsjahres am 25. Januar 2026 rund 42.000 Beschäftigte. Auf Basis dieser gerundeten Angaben entsprechen die BA-Kapazitäten etwa dem 2,4-Fachen der NVIDIA-Belegschaft, die DRV etwa dem 1,5-Fachen. Zusammen kommen beide Institutionen auf rund 164.300 Vollzeitäquivalente, etwa das 3,9-Fache von NVIDIAs gemeldeter Beschäftigtenzahl. Das ist ein Größenvergleich, kein Produktivitätsvergleich: Stichtage, Organisationsumfang und Messgrößen (Vollzeitäquivalente gegenüber Kopfzahl) unterscheiden sich.

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OrganisationBeschäftigteDatenstand
Bundesagentur für Arbeit115.931 Personen, bzw. 101.277,4 Vollzeitäquivalente4. Quartal 2025
Deutsche Rentenversicherung insgesamtrund 63.000 Vollzeitbeschäftigte30. Juni 2025
NVIDIArund 42.000 Mitarbeiter25. Januar 2026

Quellen und Einordnung: Die Bundesagentur für Arbeit meldet für das vierte Quartal 2025 115.931 Personen und eine Kapazität von 101.277,4 Vollzeitäquivalenten. Die Deutsche Rentenversicherung beziffert ihr Personal (in Vollzeitbeschäftigte umgerechnet) zum 30. Juni 2025 auf rund 63.000. NVIDIA nennt rund 42.000 Beschäftigte in seinem Form 10-K für das Geschäftsjahr 2026. Die Werte beziehen sich auf unterschiedliche Stichtage und Organisationsumfänge. Außerdem vergleicht die Näherung Vollzeitäquivalente öffentlicher Institutionen mit der von NVIDIA gemeldeten Beschäftigtenzahl.

NVIDIA lässt allerdings auch große Teile seiner Fertigung durch Auftragsproduzenten erledigen, welche nicht mit in den Bestand der eigenen Mitarbeiter fließen. Die Mitarbeiterzahl des Konzerns erfasst also nicht die gesamte Wertschöpfungskette. Umgekehrt wäre es genauso falsch, jede Stelle bei einer Behörde als reine Verwaltung abzuwerten.

NVIDIA muss seine Größe am Markt verteidigen

NVIDIA hatte im Geschäftsjahr 2026 einen Umsatz in Höhe von 215,94 Milliarden US-Dollar und einen Nettogewinn von 120,07 Milliarden US-Dollar eingefahren. Die Zahlen sind zwar nicht mit dem Haushalt einer Behörde direkt vergleichbar, ein Unternehmen muss jedoch jedes Jahr aufs Neue zeigen, dass Kunden seine Produkte kaufen und Investoren weiteres Kapital bereitstellen. Wenn ein Chip nicht überzeugt, eine Plattform zu teuer wird oder ein Konkurrent bessere Technik liefert, sinken Umsatz und Gewinn. Die Folgen schlagen sich dann direkt in der Bilanz nieder, können erhebliche Auswirkungen auf den Aktienkurs des Unternehmens haben und somit irgendwann auch bei den Beschäftigten ankommen und spürbar werden.

Das ist ein typischer Korrekturmechanismus des Marktes: Fehlentscheidungen werden über Preise, Verluste, Kündigungen und Kapitalabzug sichtbar. NVIDIA kann seine Größe nicht allein mit der Bedeutung seiner Aufgaben begründen. Es muss Nachfrage finden und ein gutes Angebot schaffen, um bestehen bleiben zu dürfen. Bei staatlichen Behörden funktioniert diese Rückmeldung anders: Bei der gesetzlichen Arbeitslosenversicherung werden die Beiträge über die Sozialversicherung und damit über die Leistung von Arbeitnehmern eingezogen, während Leistungen stets durch das Gesetz definiert und die Aufgaben politisch gesteuert werden. Eine Behörde kann ihre Organisation nicht einfach auflösen, nur weil ein Teil der Beitragszahler mit der Leistung unzufrieden ist. Beitragszahler bleiben Beitragszahler – ob sie es wollen oder nicht.

Die Bundesagentur für Arbeit verwaltet mehr als Erwerbslosigkeit

Der Geschäftsbericht der Bundesagentur für Arbeit zeigt, wie groß dieses System ist. 2025 standen Einnahmen in Höhe von 47,81 Milliarden Euro Ausgaben von 52,04 Milliarden Euro gegenüber. Das Geschäftsjahr endete mit einem Defizit von 4,23 Milliarden Euro, womit der Haushaltsplan der Politik um eben diese Summe überschritten wurde. Ein erheblicher Teil der Mehrausgaben entfiel auf Arbeitslosengeld, Kurzarbeitergeld und Insolvenzgeld. Das ist bei einer schwachen Konjunktur zunächst keine Überraschung, zeigt jedoch, dass die Behörde nicht wie ein Unternehmen auf eine sinkende Nachfrage reagieren kann, indem sie an ihrem Angebot feilt oder dieses gar einstellt.

Für Personal, Verwaltung, Einzugskostenvergütungen sowie Dienstleistungen im Bereich der Grundsicherung und der Arbeitslosenversicherung wurden zusammen 11,42 Milliarden Euro ausgewiesen. Auch diese Summe zeigt, welche Größenordnung die laufende Organisation inzwischen erreicht hat. Die Bundesagentur beschäftigt nicht nur Vermittler, sondern trägt einen großen Teil der Infrastruktur, mit der politische Ansprüche geprüft, berechnet und ausgezahlt werden.

Genau darin liegt die eigentliche Kritik: Wenn neue Programme beschlossen werden, entsteht nicht nur eine Leistung für Bürger. Es entstehen Anträge, Prüfungen, Bescheide, Widersprüche, IT-Systeme und Zuständigkeiten. Dieser zusätzliche Verwaltungsapparat durch die Politik verteilt sich über Beiträge, Steuern und künftige Haushalte. Das bedeutet nicht, dass jede Leistung der BA abgeschafft werden sollte. Der Punkt ist die fehlende Trennung zwischen Versicherung, Umverteilung und arbeitsmarktpolitischer Steuerung. Sobald alles in einer Institution landet, wird die Behörde größer, während kaum noch erkennbar ist, welcher Teil auf Beitragsleistung und welcher Teil auf politischer Zwecksetzung beruht.

Die Rentenversicherung ist kein Bürokratiebeweis

Bei der Deutschen Rentenversicherung fällt die Kritik an der Verwaltungsgröße noch deutlicher aus: Die gesamte Organisation beschäftigte zuletzt rund 63.000 Vollzeitkräfte. Gleichzeitig lagen die Gesamtausgaben 2025 bei 426,5 Milliarden Euro. Die Verwaltungs- und Verfahrenskosten betrugen 5,65 Milliarden Euro, also rund 1,3 % der Gesamtausgaben. Eine solche Quote spricht gegen die Behauptung, die gesetzliche Rente werde vor allem durch ihre eigene Verwaltung aufgezehrt. Das ist gemessen an den Gesamtausgaben kein auffällig hoher Verwaltungsanteil.

Die Kritik beginnt erneut an einer anderen Stelle: Die Deutsche Rentenversicherung nahm 2025 rund 321,6 Milliarden Euro an Beiträgen ein und erzielte insgesamt 422,6 Milliarden Euro Einnahmen. Die Beiträge erzeugen für den Einzelnen jedoch keinen frei verfügbaren Kapitalstock, der ihm gehört und den er selbst verwalten kann. Sie begründen einen gesetzlichen Anspruch gegenüber einem System, dessen Regeln von Parlamenten verändert werden können.

Damit ist die Rentenversicherung nicht automatisch wertlos oder überflüssig. Sie erfüllt eine soziale und politische Funktion. Aber sie ist etwas anderes als persönliches Eigentum. Wer über Jahrzehnte Beiträge zahlt, besitzt dadurch keine Aktie, kein Wertpapierkonto und keinen vererbbaren Anteil an den eingezahlten Summen. Die Verwaltung kann effizient arbeiten und trotzdem ein System verwalten, in dem die Beitragszahler wenig Wahlfreiheit und keinen individuellen Eigentumstitel erhalten.

Der Staat benötigt keinen Kundenverlust

Die Größe einer Behörde folgt nicht nur der Zahl ihrer Aufgaben. Sie folgt auch daraus, wie Aufgaben finanziert und kontrolliert werden. Ein Unternehmen, das dauerhaft mehr Personal einstellt, als seine Kunden bezahlen, verliert Geld. Eine Behörde kann dagegen zusätzliche Zuständigkeiten erhalten, wenn der Gesetzgeber neue Ansprüche schafft oder bestehende Leistungen ausweitet. Der politische Nutzen ist sofort sichtbar, die Finanzierung verteilt sich auf Millionen Beitrags- und Steuerzahler.

Der Ökonom William A. Niskanen beschrieb Bürokratien* deshalb als Organisationen, deren Leitung einen Anreiz zur Budgetausweitung haben kann. Daraus folgt nicht, dass jeder Beschäftigte eigennützig handelt oder absichtlich schlechte Arbeit leistet. Es geht um die Struktur: Eine Behörde verkauft ihre Leistung nicht zu einem Marktpreis, und ihre Nutzer können nicht einfach zu einem konkurrierenden Anbieter wechseln. Budget, Personal und Zuständigkeiten werden in politischen Verfahren verhandelt.

Das erklärt auch, warum der Vergleich mit NVIDIA so reizvoll ist. Der Konzern beschäftigt weniger Menschen, obwohl seine Produkte eine globale Infrastrukturindustrie tragen. Er kann seine Stellung allerdings nicht mit dem Hinweis verteidigen, dass Chips gesellschaftlich wichtig seien. NVIDIA muss die Nachfrage in Umsatz verwandeln. Die BA und die DRV müssen vordergründig gesetzliche Aufgaben erfüllen. Ob diese Aufgaben zu weit reichen, wird nicht durch Kundenverlust entschieden, sondern durch Wahlen, Haushaltsverhandlungen und Lobbyarbeit.

Was eine freiheitliche Reform prüfen müsste

Eine echte politische Reform sollte sich daher immer die Frage stellen, welche Aufgabe überhaupt staatlich organisiert werden muss. Versicherungsleistungen, politische Umverteilung und allgemeine Wirtschaftsförderung gehören nicht dazu. Nicht beitragsbezogene Leistungen sollten offen aus dem Bundeshaushalt bezahlt werden. Dann wäre sichtbar, welche Kosten auf eine politische Entscheidung und welche auf einen Versicherungsfall entfallen.

Zweitens müssten Behörden ihre Leistung mit Kennzahlen zeigen, die außerhalb der eigenen Verwaltung verständlich sind: Kosten je Fall, Bearbeitungszeit, Fehlerquote, Widerspruchserfolg und Ergebnis auf dem Arbeitsmarkt. Das schafft Transparenz und nachvollziehbare Vergleichswerte.

Drittens benötigt die Altersvorsorge mehr Wettbewerb und mehr persönliches Eigentum. Ein Teil der heutigen Umlage kann nicht einfach verschwinden, weil laufende Renten finanziert werden müssen. Langfristig lässt sich die Abhängigkeit vom politischen Versprechen nur dann verringern, wenn Beiträge teilweise in übertragbare und vererbbare Vermögensansprüche fließen. Die Entscheidung über Risiko, Kosten und Anbieter sollte dabei immer transparent bleiben. Ein staatliches Depot mit starren Regeln ist keine echte Wahlfreiheit.

Der Staat setzt die falschen Anreize: Staatliche Systeme haben sich weit von einem normalen Markt entfernt. Wer seine Leistung freiwillig verkaufen muss, erhält täglich Rückmeldung. Wer Ansprüche per Gesetz verwaltet, kann über Jahrzehnte wachsen, ohne dass ein einzelner Kunde das System kündigt. Der Staat kann über Behörden wichtige Leistungen organisieren, besitzt jedoch weniger Druck, Aufgaben zu begrenzen, Kosten sichtbar zu machen und alternative Anbieter zuzulassen, um etwaige Probleme frühzeitig zu erkennen und entsprechend gegenzuwirken.

Letzte Aktualisierung am 19.08.2026 um 12:40 Uhr / Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API

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Andreas Stegmüller

Andreas Stegmüller

Ist Gründer und Betreiber dieses Blogs. Hat während seiner mehr als zehnjährigen Redakteurs-Laufbahn schon für mehrere große Medien zu den unterschiedlichsten Themen geschrieben. Die Börse ist seit 2016 seine Leidenschaft.

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