3. Dezember 2022

Der demografische Wandel gefährdet die Rente

Angestellte und Personengruppen, die freiwillig in die Deutsche Rentenversicherung einzahlen, sollten nicht nur aufgrund der Rentenlücke frühzeitig damit beginnen, privat vorzusorgen, sondern auch weil das deutsche Rentensystem an seiner wichtigsten Stütze krankt: Der Finanzierung. Durch den demografischen Wandel – hervorgerufen durch eine sinkende Zahl an Menschen jüngeren Alters und einer gleichzeitig steigenden Zahl an älteren Menschen – kommt das Gleichgewicht zur Finanzierung des umlagebasierten Rentensystems ins Wanken. Der Generationenvertrag droht zu scheitern. Es ist ein strukturelles Problem, für das gerade der jüngere Teil unserer Gesellschaft dringend eine Lösung finden und vor allem suchen sollte.

Weniger Beitragszahler finanzieren mehr Rentner

Laut der Deutschen Rentenversicherung finanzierten bis Ende 2019 rund 56,73 Millionen Versicherte fast 25,84 Millionen Rentner. Damit entfielen auf jeden Rentner nicht ganz 2,2 Beitragszahler. Das ist jedoch schön gerechnet, denn bei den Beitragszahlern wird zwischen einem aktiv und einem passiv Versicherten unterschieden. Während aktiv Versicherte innerhalb eines Berichtsjahres für neue Einzahlungen sorgen, kommt von den passiv Versicherten kein neues Geld ins Systems. Sie haben in der Vergangenheit den Anspruch auf eine Rentenzahlung erworben, entrichten allerdings keine Beiträge mehr. Das kann beispielsweise dann passieren, wenn man sich aus einem langjährigen Angestelltenverhältnis heraus selbstständig gemacht hat und sich nicht weiter freiwillig gesetzlich versichert. Immerhin stellen die aktiv Versicherten mit rund 39,12 Millionen Menschen die erheblich größere Gruppe dar.

Dieses Verhältnis aus Beitragszahler und Rentner hat sich in den letzten Jahren stetig verschlechtert. 1955 standen jeder Rentenzahlung noch fünf Einzahler gegenüber. Immerhin: Zuletzt hielt sich die Zahl der Rentenzugänge und -Wegfälle ziemlich die Waage. Das wird jedoch nicht so bleiben. In den kommenden Jahren werden sich die Nachkommen der Baby-Boomer-Generation in den Ruhestand verabschieden und damit von der wichtigsten Einkommensquelle zur höchsten Auszahlungsgruppe innerhalb der DRV wechseln.

Die Bevölkerung wird älter, weniger Nachwuchs rückt nach

Brachte eine Frau in den 1930er Jahren noch durchschnittlich mehr als zwei Kinder zur Welt, nahm die Zahl nach dem wirtschaftlichen Aufschwung während der 1950er und 1960er Jahre kontinuierlich ab. Immer mehr Frauen und Familien entschieden sich komplett gegen Nachwuchs. Zuletzt lag die durchschnittliche Kinderzahl, die eine Frau im Laufe ihres Lebens bekommt, bei etwa 1,4 Kinder. Für die Bestandserhaltung der Bevölkerung und damit für eine Sicherung des Umlagesystems und des Generationenvertrags müsste diese Ziffer bei mindestens 2,1 liegen.

Konkret könnte man sagen, dass es die vergangene Generation verschlafen hat, für nachkommende Beitragszahler zu sorgen. Doch selbst bei der jüngeren Bevölkerungsgruppe sieht es nicht viel besser aus, womit sich das Problem in den nächsten Jahren weiter verschärfen wird. Unsere Gesellschaft schrumpft und altert zugleich. Schon heute ist jede zweite Person in Deutschland älter als 45 und jede fünfte älter als 66 Jahre.

Höhere Lebenserwartung geht zu Lasten der Sozialkassen

Eine weitere, große Belastung für unser Rentensystem ist die steigende Lebenserwartung. Was für den einzelnen und dessen Mitmenschen eine schöne Sache ist, ist für das Rentensystem ein Problem, da die Zahlungen für einen einzelnen Rentner stets über einen längeren Zeitraum bezahlt werden müssen. Laut dem Statistischen Bundesamt betrug die durchschnittliche Lebenserwartung neugeborener Jungen zuletzt 78,6 Jahre und die der Mädchen 83,4 Jahre. 65-jährige Männer konnten 2017/2019 mit durchschnittlich 17,9 weiteren Lebensjahren rechnen, bei gleichaltrigen Frauen waren es sogar 21,1 Jahre.

1950 lagen diese Zahlen etwa fünf und sieben Lebensjahre darunter. Wer später geboren ist, lebt statistisch gesehen länger: Bis 2060 soll die durchschnittliche Lebenserwartung bei Männern und Frauen auf 86,8 und 89,5 Jahre steigen. Das Renteneintrittsalter stieg dagegen zuletzt deutlich langsamer. Seit 2011 ist dieses stufenweise von 65 auf 67 Jahre gestiegen. Für die Jahre bis 2031 wird eine Anhebung auf 68 oder gar 69 Jahre diskutiert.

Das hat alles Auswirkungen für die Renten- und Krankenversicherung, aber auch für andere Versorgungsdienstleistungen älterer Menschen, was der Blick auf den Altenquotienten unterstreicht. Dieser veranschaulicht, wie viele Personen im Rentenalter auf jeweils 100 Menschen im Erwerbsalter ab 20 Jahren kommen. So sollen nach Schätzungen des Statistischen Bundesamtes im Jahr 2030 47 Personen im Rentenalter auf 100 Menschen im Erwerbsalter kommen – 2020 waren es noch 37, 1990 sogar nur 24.

Schon jetzt sind ältere Menschen gezwungenermaßen länger erwerbstätig als noch vor zehn Jahren. Im letzten Jahrzehnt hat sich der Anteil der erwerbstätigen Menschen ab 65 auf 8 % verdoppelt.

Renten-Schere: Längere Ausbildungszeiten, längere Rentenzahlungen

Die Schere zwischen Beitragszahler und Rentner driftet auch deswegen weiter auseinander, weil viele Menschen viel später ihre Erwerbstätigkeit aufnehmen, die Rentenzahlungen später jedoch über einen längeren Zeitraum aufgebracht werden müssen. Es kommt also weniger neues Geld ins System, während auf der Ausgabenseite längere Zeiträume überbrückt werden müssen.

War es früher üblich, direkt nach der Schule mit 18 oder gar 16 Jahren ins Berufsleben einzutreten und damit frühzeitig Entgeltpunkte zu sammeln und Beitragsleistungen zu entrichten, ist die Ausbildungsdauer heute mit Studium und Co. deutlich länger. Das Durchschnittsalter für den Berufseinstieg von Akademikern liegt in Deutschland bei knapp 27 Jahren, mit Zweitstudium wird die 30-Jahre-Marke also schnell durchbrochen.

Alles Zeit, die für die Rentenfinanzierung am Ende fehlt.

Keyfacts:

  • der demografische Wandel gefährdet das Rentensystem
  • immer weniger Beitragszahler finanzieren einen Rentner
  • geburtenstarke Jahrgänge gehen in Rente
  • weniger Kinder verhindern Nachwuchs-Zahler
  • aufgrund der gestiegenen Lebenserwartung müssen Renten länger bezahlt werden
  • längere Ausbildungsdauer führt zu weniger Beitragsjahren

Andreas Stegmüller

Ist Gründer und Betreiber dieses Blogs. Hat während seiner mehr als zehnjährigen Redakteurs-Laufbahn schon für mehrere große Medien zu den unterschiedlichsten Themen geschrieben. Die Börse ist seit 2016 seine Leidenschaft.

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