3. Dezember 2022

Der Kopf ist das größte Hindernis im Trading

Wer im kurzfristigen Handel mit festen Stops und Take-Profits arbeitet und immer die gleiche Summe an Geld riskiert, der hat am Ende zwei Möglichkeiten: Entweder der Trade geht auf, oder eben nicht. Anders ausgedrückt: Man hat immer eine Gewinn-Wahrscheinlichkeit von 50:50.

Zwar wird man kurzfristig Gewinne einfahren, jedoch auch mehrmals hintereinander verlieren. Es ist wie beim Münzwurf, bei dem es um Kopf oder Zahl geht. Je häufiger man die Münze wirft, desto gleichmäßiger wird die Verteilung auf Kopf und Zahl und desto näher wird sich die Wahrscheinlichkeit bei 50:50 einpendeln. Wer einen zusätzlichen Faktor beherzigt, dem wird für ein positives Trading-Ergebnis selbst eine Trefferquote von nur 50 % genügen: Das Chance-Risiko-Verhältnis, kurz CRV.

Das CRV verbessert die Gewinn-Chancen

Wer immer nur 100 Euro setzt, um 100 Euro zu gewinnen, der wird bei einer Gewinnwahrscheinlichkeit von nur 50 % langfristig kein Geld verdienen. Im Gegenteil: Aufgrund der Handelsgebühren an den Börsen wird er stetig verlieren. Wer jedoch immer 100 Euro setzt, um 300 Euro zu erhalten, kommt auf ein CRV von 3:1. Er setzt also immer weniger als er potentiell gewinnen kann. Bei einer Wahrscheinlichkeit von 50:50 wird er im Falle eines Gewinns das Dreifache verdienen, als er bereit war, zu verlieren.

Mit jedem Gewinn erkauft sich der Trader somit zwei weitere Verlust-Trades, die er risikofrei einsetzen kann, da er nicht sein eigenes Geld benutzen muss. Da er statistisch gesehen nur jeden zweiten Trade verliert, kommt er nicht darum herum, langfristig Gewinne zu machen.

Theoretisch kann ein Trader vor jedem Trade eine Münze werfen, ob er jetzt long oder short gehen soll, stellt dann sein Stop-Loss und TP mit einem CRV von 3:1 ein und lässt den Trade einfach laufen. Macht er das mit einer hohen Frequenz, wird er langfristig kein Geld verlieren. In der Praxis sieht das allerdings nicht ganz so einfach aus:

Wie sagte Aristoteles so schön? „Zur Wahrscheinlichkeit gehört auch, dass das Unwahrscheinliche eintritt“.

Auf unser Beispiel gemünzt, kann trotz der 50:50-Wahrscheinlichkeit über einen längeren Zeitraum auch immer nur das Gegenteil eintreten und somit beim Münzwurf beispielsweise immer nur die Zahl oben liegen bleiben. Stochastisch gesehen kann das im Extremfall 27 Mal hintereinander passieren. Da stellt sich automatisch die Frage, ob der Trader nach 27 Verlust-Trades tatsächlich noch an seine Strategie glaubt und bereit ist, noch den 28. Trade einzugehen. Wenn nicht der Kopf das Problem ist, dann ist es vielleicht das Konto. Hat der Trader noch genug Geld übrig, um den 28. Trade einzugehen?

Unser Kopf und damit die eigene Psychologie werden es immer wieder sein, die uns im Trading einen Streich spielen und das Leben schwer machen. Selbst wenn wir uns an die oben genannte „Fill or Kill“-Methode halten und stets ein CRV von 3:1 eingehen, kann uns eine längere Verlustphase zum Zweifeln bringen und womöglich nach anderen Trade-Ideen Ausschau halten lassen. Die Suche nach dem vermeintlich heiligen Gral beginnt erneut.

Wenn der Trader seine Trades kontinuierlich beobachtet und zuschaut, wie sie sich entwickeln, kann er diese womöglich vorzeitig beenden, weil sie entweder kurz vor dem Ziel sind oder kurz davor sind, in den Stop zu laufen. In beiden Fällen verändert er durch sein Eingreifen die Wahrscheinlichkeiten und handelt aus purer Emotion heraus. Er hält sich nicht an seine Strategie und seinen Plan.

Wir brauchen Wahrscheinlichkeitserhöher

Ziel im Trading sollte es also sein, nicht nur ein positives CRV zu haben, sondern auch, die Wahrscheinlichkeiten der eigenen Trades zu erhöhen. Man sollte eben nicht den Münzwurf entscheiden lassen, ob man jetzt eine Long- oder Short-Position eingeht, sondern ausschließlich an Preisbereichen und Levels handeln, die nachweislich in der Vergangenheit eine hohe Chance hatten, zu funktionieren.

Solche Levels und Preisbereiche findet man nur durch eigenes Research. Man wird Stunden, wenn nicht sogar Wochen vor den Charts verbringen müssen, um solche Levels zu finden und für sich zu verinnerlichen. Dieses Research wird dem Trader aber auch die Gewissheit geben, dass die eigene Strategie langfristig zu einer hohen Wahrscheinlichkeit aufgeht und es somit dem Trader einfacher macht, den Plan stupide wie ein Roboter und somit nahezu emotionslos durchführen zu können.

Das ist alles leichter als gesagt. Diese Hürde wird nicht jeder Trader nehmen, geschweige denn überhaupt an ihnen arbeiten. Trading ist in der Theorie super einfach und rational logisch zu erklären. In der Praxis wird man jedoch ständig mit Problemen konfrontiert, die einen zweifeln oder sogar aufgeben lassen. Nicht umsonst verlieren 80 % der Trader Geld an den Märkten…

Keyfacts:

  • selbst mit einer Gewinnwahrscheinlichkeit von 50 % lässt sich im Trading Geld verdienen
  • das CRV sollte dafür jedoch stets positiv sein
  • jedes vorzeitige Beenden eines Trades hat Auswirkungen auf die Wahrscheinlichkeiten
  • es kann selbst bei hoher Wahrscheinlichkeit immer das Gegenteil eintreten
  • Kopf und Psychologie spielen bei jedem Trade mit uns
  • können wir 27 Verluste in Folge verkraften?
  • … finanziell und emotional?
  • wir brauchen einen strikten Plan, den wir wie ein Roboter umsetzen
  • eigenes Research gibt es uns zusätzliche Sicherheit

Andreas Stegmüller

Ist Gründer und Betreiber dieses Blogs. Hat während seiner mehr als zehnjährigen Redakteurs-Laufbahn schon für mehrere große Medien zu den unterschiedlichsten Themen geschrieben. Die Börse ist seit 2016 seine Leidenschaft.

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