Ein differenzierter Blick auf typische Aussagen zu Bitcoin (Teil 2/3)

Nachdem wir uns in der letzten Woche den ersten drei weit verbreiteten Mythen und Vorurteilen, welche gegenüber Bitcoin gehegt werden, gewidmet haben, machen wir im zweiten Teil unserer dreiteiligen Artikelstrecke mit den nächsten vier Aussagen weiter, die bei genauerer Betrachtung ein ganz anderes Licht auf die wichtigste Digitalwährung werfen.

Bitcoin verbraucht zu viel Energie

Zugegeben: Für den Betrieb des Bitcoin-Netzwerkes ist ein hoher Energieaufwand notwendig – nicht häufig machen Schlagzeilen die Runde, das Bitcoin-Netzwerk würde den jährlichen Strombedarf ganzer Länder übertreffen. Nach Angaben des Cambridge Center for Alternative Finance liegt der weltweite Energiebedarf des Bitcoin bei rund 80 Terawattstunden, was etwa 0,4 % des gesamten, weltweit erzeugten Stroms entspricht.

Der hohe Energieaufwand ist ein Feature

Die hohe Leistungsaufnahme ist jedoch ein Feature des Bitcoins, denn für das Netzwerk bedeutet eine hoher Energieaufwand mehr Sicherheit. Um die Blockchain manipulieren zu können, benötigen Angreifer theoretisch mehr Rechenleistung als die Hälfte der gesamten Hashrate. Wer mindestens 51 % der verfügbaren Rechenleistung besitzt, kann schneller Blöcke finden und diese somit mit falschen Transaktionen in die Blockchain schreiben. Das kostet viel Energie und Geld. Stand heute kann dieser Aufwand selbst von finanzkräftigen Entitäten und Staaten nicht (mehr) gestemmt werden.

Je höher die Leistungsaufnahme des Netzwerks, desto schwieriger wird es für einzelne Individuen dieses anzugreifen. Um neue Bitcoin zu erstellen, muss Energie aufgewendet werden, wie dies bei jedem anderen Gut der Fall ist. Das ist der Hauptbestandteil des Proof-of-Work-Konzepts. Doch auch die Nodes tragen durch die Verifizierung aller Transaktionen in den Blöcken und durch das Abspeichern der gesamten Blockchain zur Sicherheit des Netzwerkes bei. Erst wenn sie einen neuen Block anerkennen, werden die Miner für das Lösen der Rechenaufgabe entlohnt. Im Gegensatz zu den Minern fällt der dafür benötigte Energieaufwand jedoch erheblich geringer aus.

Im Vergleich zum Proof-of-Stake-Mechanismus, welcher seit einiger Zeit für die Ethereum-Blockchain und viele andere genutzt wird, ist das PoW-Verfahren deutlich sicherer, da es nicht von einer zentrale Gruppe genutzt werden kann, um die Hoheit über das Netzwerk zu halten, um über künftige Änderungen zu entscheiden. Vitalik Buterin, der Macher von Ethereum, besitzt noch immer den Großteil der erschaffenen ETH-Coins und kann somit erheblichen Einfluss auf die zukünftige Entwicklung des Netzwerkes nehmen und dessen Fortschritt bestimmen. Obendrein wurde er durch die fast kostenlose Erschaffung der Token zu einem der reichsten Menschen der Welt. Das kann es bei Bitcoin nicht geben.

Auf der anderen Seite macht der Bitcoin Banken und sogar Zentralbanken überflüssig, die mit ihrem Zahlungssystem SWIFT oder der Infrastruktur von Visa und Mastercard ebenfalls einen hohen Energieaufwand benötigen. Genaue Zahlungen hierzu lassen sich kaum erheben. All diese Systeme würde Bitcoin mit breiter Akzeptanz einsparen. Und man denke an Gold, dessen Abbau und Transaktionen ebenfalls nicht gerade wenig Energie benötigen!

Bitcoin nutzt nur schmutzigen Strom

Auch das war einmal. Konnte man zu Anfangszeiten des Bitcoins noch problemlos mit jedem halbwegs schnellen Computer profitabel minen, braucht es heute aufgrund der stark gestiegenen Hashrate und der damit einhergehenden Schwierigkeit weitaus potentere Hardware. Am besten eignen sich ASICs, die speziell für diese Aufgabe entwickelt wurden. Damit ist Mining aus der eigenen Steckdose nur noch bedingt rentabel. Wer Bitcoin minen möchte, ist auf günstigen Strom angewiesen. Der günstigste Strom, der gleichzeitig überall verfügbar ist, wird über erneuerbare Energien wie Wind-, Wasserkraft und Solar gewonnen. Selbst Geothermie kommt oft zum Einsatz.

Bitcoin setzt Anreize für erneuerbare Energien

Bitcoin kann einen Anreiz schaffen, solche Technologien nutzbar zu machen. Der Wettbewerb zwischen den Minern beflügelt das sogar, da dieser für einen Preisdruck bei der Energieversorgung sorgt. Betreiber werden fast schon dazu gezwungen, in innovative Mining-Technik und den Ausbau erneuerbarer Energien zu investieren.

Diese Entwicklung macht Bitcoin Stand heute zu einem der grünsten Netzwerke überhaupt. Über 50 % des für den Betrieb notwendigen Stroms stammt aus erneuerbaren Energien. Weiterer Pluspunkt: Große Mining-Farmen können die Stromnetze stabilisieren, welche gerade mit Blick auf die erneuerbaren Energien mit unvorhersehbaren Schwankungen zu kämpfen haben.

Mining-Systeme lassen sich schnell an- und abschalten, um beispielsweise den überproduzierten Strom abzunehmen oder bei starker Last abgeschaltet zu werden, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Dadurch erhalten Stromerzeuger einen zusätzlichen Anreiz, in solche Techniken zu investieren und gleichzeitig einen monetären Anreiz, den sie an jeden Endkunden weitergeben können. Aktuell wird überproduzierter Strom zu Spottpreisen an Unternehmen verkauft, die kurzfristig einen hohen Energieaufwand aufnehmen können. Jeder einzelne Stromkunde subventioniert diesen mit. Mit Bitcoin-Mining wäre das anders herum.

👉Since China's mining ban in mid-2021 when emissions peaked at 60.9 megatonnes of carbon dioxide equivalent (CO2e), emissions have declined 37.5%
👉suggesting the concern about Bitcoin's carbon footprint are being overstated pic.twitter.com/HQtge8gpyN

— Jamie Coutts CMT (@Jamie1Coutts) September 14, 2023

Es gibt genug Blickwinkel, die den Energiehunger des Bitcoins positiv darstellen können. Ein Blick in den neusten KPMG-Bericht untermauert das weiter. Ein sehr guter Artikel dazu wurde kürzlich auch bei der Wirtschaftswoche veröffentlicht.

Bitcoin ist ungerecht verteilt

Wer früh in den Bitcoin eingestiegen ist, besitzt heute potentiell einen hohen Gegenwert, womit durchaus eine starke Vermögenskonzentration entstanden ist. Doch ist das wirklich ungerecht? Wer seit Anfang an dabei ist und bis heute seine Anteile gehalten hat, ist ein großes Risiko eingegangen für das er jetzt bezahlt wird. Die frühen Käufer haben das Netzwerk zu dem gemacht, was es heute ist und sich der stetig negativen Presse entgegengesetzt. Ist es wirklich ungerecht, dass die Betreiber des Netzwerkes Geld damit verdienen? Gerecht geht es immer zu, wenn jeder die gleiche Chance hat – jeder hätte die Möglichkeit gehabt, frühzeitig einzusteigen und Bitcoin bereits in seinen Anfängen verstehen zu lernen. Nachher ist man schließlich immer schlauer.

Viel wichtiger ist jedoch: Wer große Mengen an Bitcoin besitzt, hat keinerlei Einfluss auf das Netzwerk und kann dieses niemals verändern, weil er immer auf die Mehrheit aller angewiesen ist. Wer viele Anteile hält, sorgt für eine zusätzliche Verknappung des Bitcoins und damit für mehr Wert für alle anderen Bitcoin-Halter. Wer hingegen im Fiat-System viel besitzt, sorgt dafür, dass andere weniger haben.

Der Cantillon-Effekt führt dazu, dass gereade diejenigen von der Geldmengen-Ausweitung profitieren, die dichter an der Geldschöpfung sitzen. Wer kreditwürdig ist, kann sich beispielsweise mehrere Immobilien kaufen und diese bis zur Amortisierung über die Miete abzahlen. Wer hingegen nicht als kreditwürdig eingeschätzt wird, kann diesen Hebel nicht nutzen, um später finanziell besser dazustehen. Bei großen Unternehmen wird das besonders auf die Spitze getrieben: Volkswagen oder BASF nutzen Kredite in Milliardenhöhe, um ihre Marktmacht auszubauen. Die Finanzelite profitiert vom System, während sie dafür sorgt, dass die Schere zwischen Arm und Reich weiter auseinanderdriftet. Das ist doch die eigentliche Ungerechtigkeit!

Bei Bitcoin werden sich wohlhabende Entitäten nicht auf ihrem Reichtum ausruhen können, weil sich das festgesetzte Angebot automatisch über die Zeit besser verteilt, je mehr Netzwerkteilnehmer eine Nachfrage erzeugen.

Bitcoin ist ein Schneeballsystem

Viele Kritiker werfen dem Bitcoin vor, ein Schneeballsystem zu sein, bei dem einige wenige Gewinn auf Kosten vieler Kleinanleger machen. Anleger würden nur dann profitieren, wenn es andere gäbe, die danach teurer einsteigen. Tatsächlich muss man sich jedoch die Frage stellen, inwieweit das nicht auch für jedes andere Gut und jede Börse gilt, die traditionelle Hedgefonds, Aktien oder ETFs verkauft.

Ein Schneeballsystem bricht zusammen, wenn die Nachfrage nach dem Gut nicht mehr besteht. Das gilt für den Bitcoin nicht. Niemand kann einfach das Angebot verändern, oder die Nachfrage von einen Tag auf den anderen verändern. Die Eigenschaften von Bitcoin verändern sich nur dann, wenn die Mehrheit für diese stimmt und nicht von einzelnen wie bei einem Schneeballsystem. Bitcoin hat ein auf 21 Millionen Coins begrenztes Angebot, das in sich unendlich teilbar ist. Diese Bruchstücke können unter allen Teilnehmern verteilt werden, unabhängig davon, wie viele sich am Netzwerk beteiligen. Der Wert steigt mit der Akzeptanz und der Verbreitung sowie der Nutzung, vor allem durch die monetären Eigenschaften.

Im dritten Teil, welcher in der nächsten Woche erscheinen wird, geht es weiter!

Das Trojanische Pferd der Freiheit: Bitcoin als Chance im Kampf um Selbstbestimmung und Menschenrechte*
  • Das Trojanische Pferd der Freiheit: Bitcoin als Chance im Kampf um Selbstbestimmung und Menschenrechte
  • Farbe: Yellow
  • Gladstein, Alex (Autor)

Letzte Aktualisierung am 23.04.2024 um 22:56 Uhr / Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API

Andreas Stegmüller

Ist Gründer und Betreiber dieses Blogs. Hat während seiner mehr als zehnjährigen Redakteurs-Laufbahn schon für mehrere große Medien zu den unterschiedlichsten Themen geschrieben. Die Börse ist seit 2016 seine Leidenschaft.

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