3. Dezember 2022

Der durchschnittliche Aktionär

Die Zahl der Aktionäre in Deutschland ist zuletzt wieder gesunken. 2021 gab es in Deutschland knapp 12,1 Millionen Menschen, die in Aktien, Aktienfonds oder aktienbasierten ETFs investierten. Das entspricht ca. 17 % der deutschen Bevölkerung ab 14 Jahren, bzw. jedem sechsten Bundesbürger. Zu Beginn der Pandemie waren es noch etwa 280.000 mehr. Es ist der dritthöchste Stand seit Beginn der Erhebungen durch das Deutsche Aktieninstitut (DAI) im Jahr 1997.

Demnach ist der durchschnittliche Aktionär in Deutschland überwiegend männlich und bereits im fortschrittlicheren Alter mit potentiell vorhandenem Rückenwind durch eine längere Arbeitszeit und damit eines größeren Vermögens. Fast ein Drittel ist über 60 Jahre alt, nur gerade einmal ein Drittel ist weiblich und das obwohl gerade Frauen häufiger von Altersarmut bedroht sind.

Hohes Einkommen, hoher Bildungsgrad

Je höher das Nettoeinkommen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass in Wertpapiere investiert wird. Nur etwa 5,4 % der Männer und 8,4 % der Frauen mit einem Nettoeinkommen von maximal 1.000 Euro besitzen ein Depot. Bei einem Nettoeinkommen von 1.000 bis 2.000 Euro liegt die Quote fast doppelt so hoch. Noch größer wird der Anteil bei einem monatlichen Einkommen in Höhe von über 4.000 Euro. Dann besitzen schon 51,2 % der Männer ein Depot und immerhin 26,3 % der Frauen.

Der Schulabschluss spielt ebenfalls eine Rolle. Personen mit einem Volks- oder Hauptschulabschluss investieren bis zu drei Mal seltener in Aktien als Personen mit mittlerer Reife oder einem (Fach)-Abitur. Deutlich zu erkennen ist außerdem ein West-Ost-Gefälle. Während im Osten Deutschlands nur etwa 10,9 % der Bewohner ein Aktien-Depot besitzen, sind es in Westdeutschland 18,6 %.

Mehr als die Hälfte aller Depot-Inhaber investiert laut dem Deutschen Aktieninstitut überwiegend in Fonds, etwa ein Fünftel bis ein Viertel kauft zusätzlich Einzelwerte. Ausschließlich in Aktien investieren die wenigsten.

Das zyklische Handeln schadet

Besonders auffällig: Steigen die Aktienkurse, steigt in Deutschland die Zahl der Wertpapier-Besitzer. Sinken die Kurse, sinkt auch die Zahl der Aktionäre. Deutsche Privathaushalte handeln also eher zyklisch. Besonders gut zu sehen war das im Jahr 2008 als sowohl die Kurse als auch die Anlegerzahlen fast im Gleichschritt zurückgingen. Für die Anleger hat das erhebliche Nachteile: Sie nehmen die größten Kursgewinne erst gar nicht mit, da sie viel zu spät einsteigen und verkaufen eher zu günstigen Kursen, wenn sie womöglich selbst einen Verlust erlitten haben. Derweil sollte es gerade andersherum sein: Am besten spart man ohnehin regelmäßig und dauerhaft über einen Sparplan.

Immerhin: Im Corona-Crash und den Folgemonaten wurden in Deutschland viele Depots eröffnet und Geld investiert. So sorgte die Corona-Krise für einen sprunghaften Anstieg der Depot-Zahlen. Über 26,5 Millionen private Depots werden laut der Deutschen Bundesbank seitdem in Deutschland geführt, was einem neuen Höchststand entspricht. Das dürfte jedoch überwiegend den Neo-Brokern zuzuschreiben sein, die mit günstigen Handelsgebühren und/oder kostenlosen Sparplänen um Kunden buhlen. In Deutschland hat ein Aktionär im Schnitt mindestens zwei Depots.

ETF-Boom hält weiter an

Vor allem Index-Fonds (ETFs), welche wir auch in diesem Blog immer wieder empfehlen, erfreuen sich bei den deutschen Anlegern großer Beliebtheit. Laut einer Auswertung von extraETF, die Daten von 13 Banken umfasst, stieg das ETF-Anlagevolumen in Deutschland seit 2011 um mehr als 500 %. Allein im Juli 2020 wurden mehr als 1,8 Millionen ETF-Sparpläne ausgeführt, was einem Anstieg im Jahresvergleich von einer halben Million Sparpläne entspricht. Noch deutlicher wird der Trend beim Volumen, denn im gleichen Monat wurden 309 Millionen Euro über ETF-Sparpläne investiert. Im Januar betrug die durchschnittliche ETF-Sparplanrate 189,92 Euro, meist lag diese in den letzten Jahren bei um die 150 Euro pro Monat.

Noch schwieriger ist es, konkrete und vor allem halbwegs aktuelle Zahlen zu finden, wenn es um das durchschnittliche Depotvolumen geht. Laut der Consorsbank hatten Kunden im Jahr 2021 durchschnittlich rund 67.000 Euro im Depot liegen. Unter Einbeziehung weiterer Banken und der Neo-Broker, welche vor allem bei der jüngeren Generation mit potentiell geringerem Vermögen beliebt sind, dürfte dieser Betrag deutlich darunter liegen.

Neue Generation Anleger

Mit dem Aufkommen der Neo-Broker wie Scalable Capital oder Trade Republic scheint sich eine neue Anleger-Generation zu positionieren. Laut einer Studie, die das DIW für Trade Republic kürzlich durchgeführt hatte, sind 70 % der Trade-Republic-Kunden unter 35 Jahre alt, zu 85 % männlich und zu 47 % Erstanleger ohne bisherige Börsenerfahrung. Über 80 % der Befragten hatte weniger als fünf Jahre Anlageerfahrung. Im Schnitt waren sie zu 60 % in Einzelaktien, zu 26 % in ETFs und sogar zu 2 % in Derivate investiert. Der überwiegende Restanteil lagt als Giralgeld täglich verfügbar auf dem Verrechnungskonto.

Damit scheint die jüngere Generation risikofreudiger zu investieren als es die Durchschnittszahlen des Deutschen Aktieninstituts zeigen.

Keyfacts:

  • ein hohes Einkommen und ein hoher Bildungsgrad erhöhen die Chance für Aktien-Anlagen
  • ETFs und Fonds bleiben äußerst beliebt
  • gerade ETFs boomen immer mehr
  • jeder Aktien-Sparer hat im Schnitt zwei Depots
  • jüngere Sparer sind risikofreudiger

Andreas Stegmüller

Ist Gründer und Betreiber dieses Blogs. Hat während seiner mehr als zehnjährigen Redakteurs-Laufbahn schon für mehrere große Medien zu den unterschiedlichsten Themen geschrieben. Die Börse ist seit 2016 seine Leidenschaft.

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